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Chetna Gala Sinha ist eine indische Sozialaktivistin, die sich für Frauen in dürregefährdeten Gebieten des ländlichen Indiens einsetzt. 1997 gründete sie die Mann Deshi, Indiens erste Bank von und für Frauen. Darüber hinaus war sie 2018 Co-Vorsitzende des Weltwirtschaftsforums in Davos. Nils Jonas Hein sprach mit ihr darüber, wie Entrepreneurship zur Stärkung von Frauenrechten beitragen kann:


Schön dich kennenzulernen, Chetna. Was hat dich dazu inspiriert, die Mann Deshi Bank zu gründen?

Ich wurde in Mumbai geboren und bin dort auch aufgewachsen. Während meines Studiums trat ich der gandhischen Organisation bei und reiste durch ganz Indien. Dabei wurde mir klar, dass ich die Stadt verlassen möchte, um in den Dörfern zu arbeiten.

Nach meinem Abschluss unterrichtete ich Wirtschaftswissenschaften in Mumbai. Unterdessen traf ich auf Reisen meinen Ehemann, einen nicht sonderlich gebildeten Bauernführer und verliebte mich in ihn. Wir heiraten und ich unterrichtete ein weiteres Jahr. Dann beschloss ich endlich zu gehen, um mich mit ihm in seinem Dorf Mhaswad niederzulassen.

1996 kamen die Frauen des Dorfes auf mich zu und sagten mir, dass sie sparen wollen, die Banken es ihnen jedoch nicht gestatten würden, bei ihnen ein Konto zu eröffnen. Dabei baten diese Frauen sie nicht einmal um Geld. Die Frauen wollten sparen, wollten finanziell planen können. Also dachte ich mir, warum gründe ich nicht einfach eine Bank für sie?

Wir bewarben uns um eine Banklizenz, aber dies wurde abgelehnt. Warum? Weil die Frauen weder lesen noch schreiben konnten. Aber die Frauen ließen sich nicht einschüchtern: „Dann werden wir eben lernen, zu lesen und zu schreiben!“ Unmittelbar danach begannen wir Kurse für sie anzubieten und bewarben uns erneut um die Lizenz.

Dieses Mal sagten die Frauen: „Wir können vielleicht nicht lesen und nicht schreiben, aber wir können rechnen!“ Und sie forderten den zuständigen Beamten heraus: „Berechnen Sie mit uns die Zinsen eines beliebigen Kapitalbetrags ohne Taschenrechner und sie werden sehen,dass wir schneller rechnen können.“ Tatsächlich brachte das ihn dazu, mit unseren Frauen zu reden und wir bekamen schließlich doch die Lizenz.

So gründeten wir, Frauen im ländlichen Indien, 1997 eine Bank und das ohne jegliche Unterstützung von außen. Es waren die Kredite der Frauen, die Spareinlagen der Frauen, das Kapital der Frauen. So hat damals alles angefangen und ich bin ich so stolz darauf, dass wir heute über 200.000 Kundinnen bei Mann Deshi haben. 


Was waren die nächsten Schritte von Mann Deshi nach der Gründung der Bank?

Mann Deshi ist zwar eine Bank, welche für Frauen gegründet wurde, es waren jedoch die Frauen selbst, welche zu mir kamen und sagten, dass sie sparen und Kredite aufnehmen wollten. Also überlegten wir uns dieses Modell auf andere Bereiche auszuweiten.

Ich erinnere mich an eine Schaf- und Ziegenhirtin, die weder lesen noch schreiben konnte. Eines Tages kam sie in die Bank und sagte zu mir: „Ich möchte einen Kredit aufnehmen, aber ich kann meine Eigentumspapiere nicht lesen. Wenn ich reise, weiß ich nicht, in welche Richtung die Busse fahren. Ich möchte ein Mobiltelefon benutzen, aber ich verstehe nicht, wie man das macht.“ In diesem Moment wurde mir klar, dass es ihr Grundrecht ist, über Fähigkeiten verfügen zu können.

Also überlegte ich mir, dass es nun an der Zeit sei, einen Ort zu schaffen, an dem die Frauen diese Fähigkeiten erwerben können. Darüber hinaus besitzen sie selber sehr wertvolle Kenntnisse, beispielsweise über Viehzucht und Landwirtschaft. Warum gründen wir also nicht eine Business School für Frauen?

Generell denken die Leute, dass die Menschen vom Land ungebildet wären, man sie bilden müsse, so dass sie schließlich in der Lage wären, ihr Leben selbst zu verbessern. Ich glaube jedoch, dass die Leute sich irren. Die Frauen sagten, dass sie weder lesen noch schreiben, aber rechnen könnten – und das ist ihre Stärke. Obwohl sie nie zur Schule gegangen sind, können sie ihre Finanzen selber verwalten. 

Deshalb erschien es mir sinnvoll, die Business School so aufzuziehen, dass Frauen ohne Schulbildung sich dort Wissen aneignen können, um ein Vorbild für andere Frauen zu sein. Also gründeten wir die Business School und boten einen „Deshi MBA“ an.

Die Idee dahinter war, dass es zwei verschiedene Möglichkeiten gibt, eine Business School zu führen. Die erste Möglichkeit ist, ein Skill Center zu errichten. Aber in den Dörfern gibt es keine Fabriken, keine Arbeitsplätze. Also selbst, wenn man ihnen ein solches Center zur Verfügung stellt, heißt dies noch lange nicht, dass die Frauen auch Arbeit bekommen.

Die Frauen aber waren sehr deutlich: „Wir haben ein wenig Land und Vieh – was könnt ihr uns beibringen, damit wir unser Einkommen verbessern können?“ Die andere Möglichkeit ist also, die Schule ganz nach den Bedürfnissen der Frauen auszurichten und es ihnen somit zu ermöglichen, landwirtschaftliche Unternehmen zu gründen.

Man führt nämlich nicht nur ein Unternehmen, wenn man eine kleine Fabrik oder einen Laden besitzt, sondern auch, wenn man Tiere hält und den An- und Verkauf dieser Tiere so plant, dass man davon leben kann. Deshalb haben wir die Business School für Frauen in ländlichen Gebieten gegründet und die Kurse an ihre individuellen Bedürfnisse angepasst.


Du hast gerade erklärt, dass die Frauen dich darin beeinflusst haben, wie die Business School zu führen sei. Hatten sie auch einen Einfluss darauf, wie du die Bank leitest?

Als ich die Bank gründete, sagten mir alle: „Das schaffst du nicht. Eine Bank gründen … wie willst du das bloß hinbekommen?“ Und auch ich war mir so manches Mal nicht wirklich sicher, aber unsere Frauen beruhigten mich: „Wir werden das schaffen! Wir werden sparen, wir werden unser eigenes Kapital aufbauen und Kredite vergeben. Erkläre uns, wie man Finanzen verwaltet, und wir werden die Kredite rechtzeitig zurückzahlen.“

Aber das war nicht das einzige Mal. Da die Frauen den ganzen Tag arbeiten, fragen sie mich: „Kannst du nicht Banking an der Haustür anbieten?“ Aber dafür braucht man die nötige Technologie. Deshalb waren wir im Jahr 2006 die erste Bank des Landes, die ein ‚smartes Sparbuch‘ eingeführt hat – also eine Chipkarte als elektronisches Sparbuch. Und warum? Weil die Frauen Kontrolle über ihre Finanzen haben wollen. Es geht nicht nur um den Zugang. Es geht um die Kontrolle: Ich werde über mein eigenes Geld entscheiden.

In Indien sind die Geschlechterverhältnisse sehr anders. Oftmals verlieren Frauen hier ihr Geld, weil sie innerhalb der Familie keinen Einfluss auf Entscheidungen haben. Aus diesem Grund wollten sie, dass wir das Produkt so gestalten, dass sie frei über An- und Verkäufe ihrer Unternehmen entscheiden können.

Also entschieden wir uns dazu, Darlehen auf Büffel, Ziegen und Hühnern zu vergeben, jedoch keine Kredite an Molkereien, Ziegenfarmen oder Geflügelzuchtbetriebe. Warum nicht? Weil diese großen Unternehmen von Männern verwaltet werden und die Gewinne auf ihre Bankkonten fließen. Wenn die Frauen hingegen Büffel halten oder Ziegen hüten, dann haben sie vom Verkauf der Milch ein Einkommen.

Ja, die Kontrolle über Finanzen ist immens wichtig. Deshalb bieten wir Online-Banking, Mobile-Banking und Cyber Wallets an. Die Frauen waren nie in der Schule, dennoch benutzen sie diese Produkte. Das ist die Bankkarte – kannst du den Chip sehen?

Er benötigt eine PIN-Nummer, auch das Cyber Wallet benötigt eine. Unsere Frauen wollten aber keine PIN-Nummer. Ich versuchte sie zu beruhigen: „Wir haben die Business School, wir werden eure Digital- und Finanzkompetenzen stärken und ihr werdet euch die PIN-Nummer merken können. Wir sorgen schon dafür!“

Aber die Frauen entgegneten: „Nein, findet eine andere Lösung für uns. Wie wäre es denn mit einem biometrischen Daumenabdruck?“ Und wir hielten dies für eine wundervolle Idee. Also verknüpften wir ihre Konten mit ihrem biometrischen Daumenabdruck und sie sagten: „Schau, jeder kann uns dazu zwingen, die PIN-Nummer zu verraten, aber niemand kann unseren Daumen benutzen.“

Es war ihnen so vollkommen klar. Deshalb denke ich mir jetzt immer, dass man eine Sache beachtet muss, wenn man Marktlösungen für Menschen oder Gemeinden Marktlösungen finden möchte: Never provide poor solutions to poor people, they are smart!

→ Hier geht es zum zweiten Teil.

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