Chetna Gala Sinha ist eine indische Sozialaktivistin, die sich für Frauen in dürregefährdeten Gebieten des ländlichen Indiens einsetzt. 1997 gründete sie die Mann Deshi, Indiens erste Bank von und für Frauen. Darüber hinaus war sie 2018 Co-Vorsitzende des Weltwirtschaftsforums in Davos. Nils Jonas Hein sprach mit ihr darüber, wie Entrepreneurship zur Stärkung von Frauenrechten beitragen kann:


Du hast bereits das Radio erwähnt und ich habe gesehen, dass Mann Deshi ein Sportteam leitet, die Mann Deshi Champions. Ihr betreibt so viele Projekte. Wie schafft ihr es da den Überblick zu behalten?

Ja, du hast Recht. Und viele Leute würden auch sagen: „Warum seid ihr nicht fokussierter?“ Das ist ein anderer Kritikpunkt, denn Mann Deshi häufig zu hören bekommt.

Aber sieh mal, am Anfang haben wir noch nicht mit den Bauern zusammengearbeitet, haben kein Sportteam geleitet, wir haben uns nicht mit Wasserversorgungsproblemen befasst, aber 2012 hatten wir eine sehr schlimme Dürre in unserer Gegend. Nirgendwo gab es Wasser.

Viele Frauen kamen zu mir und sagten: „Auch wenn wir Geld haben, können wir kein Wasser laufen, weil es keines gibt. Und wenn wir schließlich diese Gegend verlassen müssen, mit wem wollt ihr dann zusammenarbeiten? Mit wem wollt ihr die Bank leiten?“

Das war ein Wendepunkt. Ab da an beschlossen wir, dass wir mit ihnen helfen würden und gründeten ein Viehlager, in das die Bauern ihre Tiere bringen konnten, damit dieses Wasser bekommt. Später begannen wir eine „Bank“ für Wasser zu bauen – einen Ort, um Wasser zu konservieren. Und ich bin sehr stolz darauf, dass wir es geschafft haben, die Dürre zu bekämpfen.

Während wir an diesen Projekten arbeiten, kamen ein junges Mädchen zu der Bank und sagte: „Wisst ihr, in den Sommerferien arbeite ich zwei Monate lang und bekomme kein Gehalt. Aber nach der siebten Klasse möchte ich auf die High School gehen, welche weit weg ist. Es gibt keine Busverbindung und meine Eltern werden mich nicht dorthin lassen, wenn es keine Busverbindung gibt. Warum arbeite ich nicht einfach zwei Monate für die Bank und du gibst mir ein Fahrrad dafür?“

Also startete Mann Deshi ein Programm, um den Mädchen Fahrräder zur Verfügung zu stellen. Am Anfang verteilten wir eine Art Fahrrad-Darlehen, aber später kamen eine Menge Spender dazu, die bereit waren, den Mädchen einen Zuschuss zu geben.

Als unsere Mädchen die Fahrräder bekamen, wurden sie auch sehr gut im Sport. Also beschlossen wir das Sportteam zu gründen. Am Anfang war es sehr klein. Wir kauften Land und legten eine 400m-Bahn für unsere Mädchen. Sie waren so gut darin, dass sie von der Bezirkssportbehörde ausgewählt wurden. Und jetzt vertreten einige von ihnen die Hockey-Nationalmannschaft.

Heute haben wir mehr als 4000 Kinder, die auf Bezirks-, Landes- und nationaler Ebene aktiv sind, auch ein paar auf internationaler Ebene. Aber ich würde nicht sagen, dass darin das Ziel liegt. Wir machen das, damit Kinder im ländlichen Indien, Kinder von Hirten, Nomadenkinder eine Chance haben, spielen zu können.

Und jetzt ist es so groß. Wir haben ein Leichtathletikfeld, haben Feldhockey, Basketball, ein Schwimmbad … all das! Aber das wichtigste an dem ganzen Sportprogramm ist, dass es den Mädchen ermöglicht hat, nicht in Kinderheiraten zu geraten, da sie so gut im Sport sind, dass ihre Eltern bereit sind ihre Heirat zu verschieben.


Du hast die Bank vor über 20 Jahren gegründet und seitdem ist so viel passiert. Glaubst du das sie die Einstellung der Männer gegenüber den Frauen auch verändert hat?

Ja, es ist sehr wichtig, dass die Männer ihre Einstellung ändern. Die Frage ist jedoch, wie kann man diesen Wandel herbeiführen?

Ein Teil ist, das die Frauen gesagt haben, dass sie ihr Leben kontrollieren wollen und dass sie es tun. Aber das Wichtigste ist, dass die Männer stolz auf ihre Frauen sind, stolz auf ihre Töchter sind, stolz auf ihre Familien sind. Wie bekommt man das hin?

Wenn wir also sehen, dass Väter in die Bildung ihrer Mädchen investieren, feiern wir sie in einem großen Event, damit sich auch andere Männer denken, dass dies etwas ist, worauf man stolz sein sollte.

Oder als der Ehemann von Vanita Pise, der Frau, die die landwirtschaftliche Produktionsfirma betreibt, mit ihr die Grundstückspapiere geteilt hat, haben wir ihm dafür eine Auszeichnung verliehen. Er wird dann ein Vorbild für andere Männer. Dadurch werden sich auch andere Männer denken, dass sie ihre Macht mit den Frauen teilen müssen, damit der Wohlstand in ihrem Haushalt ankommt.

Man muss das Ganze als Stolz in die Gemeinschaft einbringen. So haben wir es geschafft, erfolgreich zu sein. Geschlechterverhältnisse verändern sich, wenn die Gleichberechtigung mit Wertschätzung einhergeht.


Welchen Rat würdest du aufstrebenden Unternehmerinnen mit auf den Weg geben?

Lass mich die Geschichte von Kerabai erzählen – Radiojockey bei Mann Deshi. Als sie das erste Mal zum Radio kam, sagte sie, dass sie eine eigene Sendung machen wollte. Aber der Manager entgegnete: „Du kannst nicht lesen und nicht schreiben, Kerabai. Wie willst du deine Sendung gestalten?“ Aber sie antwortete: „Ja, ich kann weder lesen noch schreiben. Ich erschaffe die Gedichte in meinem Kopf und dann trage ich sie vor.“

Und sang ihre sehr weisen Gedichte im Radio vor und wurde sehr berühmt. Also frage ich Kerabai: „Wo hast du so singen gelernt? Wo hast du gelernt diese Gedichte zu erschaffen?“ Und weißt du was sie zu mir sagte? „Als ich mit 13 heiratete und mit 14 schwanger wurde, war ich ständig hungrig. Ich hatte nicht genug Essen im Haus. Um den Hunger zu vergessen, begann ich zu singen. So habe ich es gelernt.“

Jetzt, wann immer ich von etwas gefrustet bin, erinnere ich mich an Kerabai und dass sie, um den Hunger zu vergessen das Singen begann. Ich meine selbst in dieser schwierigen Situation konnte sie die Kunst in ihre Seele lassen und begann, ihre Gedichte zu teilen. Dann wird mir klar, dass dies der Mut ist, den jeder haben sollte.

Und zu den Jungunternehmerinnen würde ich sagen, dass ich von Kerabai gelernt habe – und in einem ihrer Gedichte sagt sie das auch – dass mein Mut mein Kapital ist. Ich habe das Gefühl, dass es vielleicht noch viel mehr so Frauen wie Kerabai auf der Welt gibt und ihr Mut auch dein Kapital sein kann.

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