schwarze Hand hält Bombe aus Zeitungspapier
Klimakrise.
Corona-Pandemie.
Ukraine-Konflikt.
 
Täglich und in Dauerschleife prasseln negative Nachrichten auf uns ein – über den Bildschirm, Social Media oder als Pushnachrichten aufs Handy. Anders als früher können wir heute auf 5 Kanälen rund um die Uhr “up-to-date” bleiben.
 
Bestens informiert? Nicht unbedingt. Die ständigen schlechten Nachrichten und Untergangsszenarien können einem das Gefühl von Hilflosigkeit, Angst und Ohnmacht vermitteln. Negative Berichterstattung kann uns in Dauerbeschallung krank machen und unser Weltbild verzerren.

Mit jedem Fingerwisch dem Untergang näher

Doomscrolling nennt sich das Phänomen, das uns süchtig nach negativen Nachrichten werden lässt. Doom bedeutet im Englischen “das Verderben”. Wir “scrollen” uns durch die negativen Schlagzeilen sozusagen ins eigene “Verderben”.

Doch warum machen wir das überhaupt?

Laut der Neurowissenschaftlerin und Professorin für Medienpsychologie Maren Urner liege es an unserem steinzeitlich geprägten Gehirn: Unser Hirn ist darauf optimiert, auf Negatives besser, intensiver und generell einfach schneller zu reagieren.“ (Deutschlandfunk Nova) In der Steinzeit seien Informationen über mögliche Gefahren überlebensnotwendig gewesen. Auch unser “modernes” Gehirn versucht negative Nachrichten als mögliche Bedrohungen einzuordnen und uns vor Gefahren zu schützen.

Doch genau dieses Bild der allgegenwärtigen Gefahr wird in den Medien nur allzu gern gezeichnet. Denn er ist längst ausgebrochen: der Kampf um unsere Aufmerksamkeit. Und in einer schnelllebigen Zeit mit zahllosen Angeboten wird Aufmerksamkeit zur kostbaren Ressource. Man verkauft uns keine Nachrichten. Man verkauft uns ein Gefühl.

Und negative Nachrichten verkaufen sich eben besser als gute.

Wir brauchen Medienhygiene 

Wie schaffen wir es Medien nicht wie Fast Food zu konsumieren? Prof. Maren Urner fordert: “Wir müssen eine bessere Medienhygiene entwickeln. Ein großer Teil der Bevölkerung achtet auf das, was sie ihrem Körper zu essen geben. Auf der anderen Seite tun sie das beim Gehirn nicht. Dabei ist es unser sensibelstes Organ.” (Deutschlandfunk Nova)

Wir müssen uns selber fragen: Sind wir durch die Nachrichtenflut besser informiert oder machen wir uns krank?

Beispiel Ukrainekonflikt: Der reine Massenkonsum von Infos und negativen Nachrichten bringt weder uns noch die Kriegsopfer weiter. Im schlimmsten Fall lähmt er uns sogar und blockiert unsere Denk- und Handlungsfähigkeit: “Eine der wichtigsten Erkenntnisse zahlreicher Forschungsarbeiten aus diesem Bereich mit Blick auf die Frage, wann wir gute Entscheidungen treffen, lässt sich in etwa so zusammenfassen: Stress, Angst und das Gefühl von Machtlosigkeit sind keine guten Berater. Wenn wir uns hingegen sicher, befähigt und gut fühlen, sind wir sehr viel besser in der Lage, clevere und weise Entscheidungen zu treffen. Es sind eben diese Gefühle, die uns lösungs- und zukunftsorientiert denken und handeln lassen.” (Maren Urner, Raus aus der ewigen Dauerkrise, Droemer 2019)

Bilder mit Wirkung 

Eine Studie nach dem Anschlag auf den Boston Marathon 2013 (PNAS.org) ergab Erstaunliches: Menschen, die die Berichte eine Woche nach dem Vorfall genau verfolgten, waren sogar gestresster als Menschen, die live dabei waren. Der intensive Konsum von Medienberichten nach traumatisierenden Ereignissen verfehlt seine Wirkung beim Publikum nicht.

Medienhygiene bedeutet, dass wir darauf achten: Wann nehme ich welche Nachrichten auf? Aus welchen Quellen? Für wie lange? Es geht weder um Wegschauen noch Verdrängen, sondern sicherzustellen, dass wir mental gesund und handlungsfähig bleiben. Das bedeutet auch unser Gehirn manchmal auf Standby zu setzen und uns eine Pause zu gönnen.

Raus aus der ewigen Dauerkrise     Mit dem Denken von morgen die Probleme von heute lösen

Maren Urner, 2019 Droemer Verlag

Konstruktiver Journalismus statt Doomscrolling

Konstuktiver Journalismus zeichnet sich durch Berichterstattung aus, die auf lösungsorientierten statt negativen und konfliktbasierten Nachrichten basiert. “Er beschreibt nicht nur, was in der Welt schief läuft, sondern bemüht sich, Lösungen für bestehende Probleme aufzuzeigen und zu diskutieren.” (Die ausführliche Erklärung zum konstruktiven Journalismus findet ihr im  Online-Magazin Perspective Daily, das von Maren Urner mitbegründet wurde.)

Konstruktiver Journalismus hört nicht beim Was? auf, sondern fragt vielmehr: Und wie weiter? 

Indem wir den Blick in die Zukunft richten und auf die Handlungsmöglichkeiten in unserem Einflussbereich, nehmen wir uns und die Welt in einer anderen Weise wahr. Selbstwirksamkeit als Gegenteil zur Überforderung und Hilflosigkeit..

Statt destruktiver Gedanken konstruktive Handlungen 

“Wenn wir etwas aus unseren Reaktionen auf erschütternde Herausforderungen wie die COVID-Pandemie, die Morde an George Floyd und Breonna Taylor und Putins Einmarsch in der Ukraine gelernt haben, dann vielleicht dies: Der Mensch ist die einzige Spezies auf der Erde, die sich ihre eigene Zukunft neu vorstellen und sie neu gestalten kann. Wir können die Regeln, Ziele und Paradigmen, die unsere zivilisatorischen Formen und Kooperationsmuster bestimmen, neu definieren und verändern. Die Kultivierung und Entwicklung dieser Fähigkeit ist für die Zukunft dieses Planeten — und für die Zukunft der Menschheit — unerlässlich.” (Prof. Otto Scharmer)

Maren Urner

Maren Urner ist Neurowissenschaftlerin und Professorin für Medienpsychologie an der HMKW in Köln. Sie studierte Kognitions- und Neurowissenschaften, u. a. an der McGill University in Montreal, und wurde am University College London promoviert. 2016 gründete sie das erste werbefreie Online-Magazin „Perspective Daily“ für Konstruktiven Journalismus mit. Sie leitete die Redaktion bis März 2019 als Chefredakteurin und war Geschäftsführerin. Ihre beiden Bücher „Schluss mit dem täglichen Weltuntergang“  und „Raus aus der ewigen Dauerkrise“  sind SPIEGEL-Bestseller. Wir freuen uns auf Ihre Keynote auf dem ENTREPENEURSHIP SUMMIT 2022!

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