Die Teekampagne - 1/7

Angenommen, der liebe Gott hätte wie in früheren Zeiten seine segnende Hand erhoben und in armer Leute Gegend Gutes bewirkt, angenommen, es wäre ein Weinberg entstanden, ein ganz außergewöhnlicher, einer, bei dem alles zusammenkäme, was Kenner sich wünschen - der Boden, das Klima, Rebstöcke und Trauben -, angenommen, der Wein wäre die Nummer 1 unter den Weinen und würde nur hier und nirgendwo sonst wachsen, dann wäre - nicht wahr? - der Weinberg eine Quelle fortwährenden Glücks. Eines Glücks vielleicht im Schweiße des Angesichts derer, die ihn bestellen, die ihn hegen und pflegen und den Wein veräußern. Angenommen, sie blieben gute Menschen und gefeit vor Versuchungen dieser oder jener Art, dann fänden die klitzekleinen Teufelchen, die in unserer Welt noch ihr Unwesen treiben, keine Gelegenheit, sich zwischen den Rebstöcken zu tummeln oder auf den Schultern der Weinbauern zu hocken und ihnen dumme Gedanken einzuflüstern.

Nur drunten im Tal fänden sie möglicherweise mehr Gehör. Händler würden den Wein kaufen, zu hohen Preisen weiterveräußern und den Berg bald und leider als eine nur endliche Quelle erleben. So würden sie darauf sinnen, aus wenig mehr zu machen, den Wein zu strecken und möglichst kleine Mengen zu noch höheren Preisen loszuschlagen. Die kleinen Teufelchen würden mit Rat und Tat beistehen, und bald entstünde rings um den Berg ein kunterbuntes, wenngleich nicht recht durchschaubares Treiben. Die Händler der ersten Stunde würden versuchen, neue Händler fernzuhalten, zu gleich würden sie den Weinbauern am Berg mit ernster Miene vorhalten, die Welt drunten im Tal sei durch Absatzkrisen geprägt, und die Weine sollten doch, bitte sehr, günstiger abgegeben werden.

Woanders gäbe es andere Lagen, längst nicht so gute; der himmlische Zuspruch könnte dort, wenn schon nicht wirklich, so doch werblich behauptet werden und Tropfen veredeln, die von den Teufelchen nicht selbst gepanscht werden könnten. Ungefähr so könnte es zugehen, und am Ende wüßten wir nicht mehr, wie das gottgewollte Original einmal mundete.

Unsere Geschichte spielt aber nicht rings um einen heimatlichen Weinberg, sondern in einer Landschaft viel weiter weg, in Darjeeling am Fuße des Himalaja. Es mag wohl sein, daß der liebe Gott auch hier gewirkt hat, aber nicht ganz ohne Fehl, denn einerseits wächst hier der beste Tee der Welt, andererseits fiel er nicht vom Himmel, vielmehr ließen ihn die Engländer vor ungefähr hundertfünfzig Jahren anpflanzen. Sie waren damals die Herren, und für ihre Untergebenen bedeutete es besonders viel Mühe und Arbeit, an steilen Hängen kleine Teeblätter von Büschen zu zupfen, sie zu trocknen und zu Tal zu schaffen. Immerhin: Darjeeling First oder Second Flush, Finest Tippy Golden Flowery Orange Pekoe 1, einen dreiviertel Teelöffel gestrichen und aufgebrüht pro Tasse, dazu zwei, drei Tropfen Milch und ein klein wenig Zucker - das, so sagen Kenner oben in Darjeeling, gebe einen unvergleichlichen Geschmack, kein Assam- oder Kenia-Tee könne hier mithalten.

Schwenk in die jüngste Vergangenheit, Mitte der achtziger Jahre. 12.000 Tonnen Darjeeling Tee gibt der Landstrich im Jahresdurchschnitt her, davon werden 10.000 Tonnen exportiert. Das ist nur ein Klacks, gemessen an der jährlichen Gesamtmenge des weltweit produzierten Tees. Aber es ist eben der Tee aller Tees. Drunten im Tal, in Kalkutta, wird er versteigert, dann verschifft und weiterverkauft zu ziemlich hohem Preis und, weil es so wenig von ihm gibt - hokuspokus - vermehrt. Aus 10.000 exportierten Tonnen werden 40.000 Tonnen, aus Darjeeling Tee wird "Darjeeling Tee", vermischt mit minderen Sorten - so sagt die Darjeeling Planters Association. Sechs Teelöffel Darjeeling-Teeblätter in die Kanne gegeben, ergeben Darjeeling Tee. Vier Teelöffel Darjeeling mit zwei Teelöffeln einer schlechteren Sorte gemischt, mögen immer noch wie Darjeeling schmecken; vielleicht merken teetrinkende Laien selbst dann nichts, wenn drei zu drei oder zwei zu vier gestreckt wird. Klitzekleine Teufelchen sind nicht nur rings um Weinberge, sondern auch anderswo geschickt am Werk.

Teil 2 von "Die Teekampagne"

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