Nutzen statt Besitzen – Die Verteilung von Waren neu denken

Warum wir die Verteilung von Waren neu denken müssen

»Nutzen statt Besitzen«

 

von Günter Faltin (Auszug aus „David gegen Goliath”)

Der Gedanke des Sharing hat Sprengkraft, im positiven Sinne. Er schlägt eine Bresche in die Konsumwelten-Gesellschaft. „Mehr Zeit als Zeug“ ist der aktuelle populäre Spruch dafür. Zeitwohlstand statt Güterreichtum.

Im Jahr 2000 propagierte Jeremy Rifkin die »Access Society«, die Zugangsgesellschaft. Besitz sei schwerfällig, argumentiert er. Viel intelligenter sei es, die Produkte lediglich zu nutzen. Andere nennen es die »Share Economy« oder »Collaborative Consumption«. Das Automobil ist bekanntermaßen das überzeugendste Beispiel dieser Bewegung.

In der Vergangenheit verbanden wir Konsum in der Regel mit dem Besitz von Waren. Diese Art von Konsum verbraucht Ressourcen. Wir wissen, dass der sichtbare Ressourcenverbrauch – also das, was man dem Konsumgut ansieht – nur ein kleiner Teil dessen ist, was wirklich an Ressourcen aufgebraucht wird. Wenn wir den ökologischen Rucksack mitbedenken, ist der Ressourcenverbrauch in Wahrheit um ein Vielfaches höher. Mit intelligenten Nutzungskonzepten sieht die Rechnung dagegen deutlich günstiger aus. Man kann deshalb die These wagen: Früher lagen die unternehmerischen Chancen für Entrepreneure in der Herstellung von Produkten und Dienstleistungen, heute liegen sie – gerade für ökologisch engagierte Entrepreneure – bei der Herstellung von Nutzen. Volkswirtschaftlich spielt der Gemeinschaftskonsum erst eine geringe Rolle. Aber intelligente Nutzungskonzepte haben Zukunft.

Wenn wir vom Nutzen her denken, geht es auch nicht mehr um Verzicht. Man verzichtet auf nichts, wenn man vom Besitz eines Automobils auf die Nutzung umsteigt. Es ist damit kein Verzicht auf Mobilität verbunden. »Nutzen statt Besitzen« – eine erste Gruppe von Konsumenten erkennt, dass sie mit einer solchen Handlungsanleitung sogar einen Wohlstandsgewinn erzielt.

Natürlich ist der Gedanke des Teilens nicht neu. Auch die Idee der Wohngemeinschaft gehörte dazu. Allerdings sind WGs in der Regel ein Beispiel dafür, wie es nicht gut funktioniert. Die gemeinsame Küche ist unansehnlich, der Abwasch stapelt sich in der Spüle. Die Wahrnehmung von Schmutz ist bei den Mitgliedern unterschiedlich ausgeprägt – während die einen schon anfangen, sich zu ekeln, sehen andere den Schmutz noch gar nicht. (Ich spreche aus 17 Jahren WG-Erfahrung).

Die eigentlich innovative Leistung liegt darin, das Prinzip des Teilens so attraktiv zu machen, dass es in seiner Praxis konventionellen Verhaltensweisen überlegen ist. Die Tür tut sich auf, wenn moderne Technologien eingesetzt werden können, die die Nutzung vereinfachen. Es braucht ein Smartphone, leistungsfähige Rechner, Minibezahlsysteme und einiges mehr, die Konzepte wie das Carsharing so sehr erleichtern, dass die attraktiven Seiten die Waage der Vor- und Nachteile zugunsten der Vorteile neigen lassen. Früher hätte man Verträge ausfüllen, mit Schecks, Bargeld oder Überweisung bezahlen müssen. Das alles nehmen uns heute im Hintergrund laufende IT-Prozesse ab.

Car-Sharing kennen wir. Wie sieht es mit Strom-Sharing aus? Während in den letzten 150 Jahren Strom ausschließlich über große Kraftwerke produziert wurde, die Großkonzernen gehören, findet in den letzten Jahren ein Paradigmenwechsel statt. Strom aus Sonnen- und Windkraft wird heute in über zwei Millionen dezentralen, kleinen Kraftwerken produziert, von Hausbesitzern. Diese Kleinkraftwerke stellen bereits 35 % des Stroms in Deutschland bereit und das auf eine umweltfreundliche Weise.

Das Unternehmen „Sonnen“ hat eine Plattform für Strom-Sharing errichtet. So entstand eine Gemeinschaft, die Menschen, die ihren Strom selbst produzieren, zu einem unabhängigen Netzwerk verbindet. Wenn bei einer Anlage mehr an Strom produziert als momentan gebraucht wird, kann nicht nur Strom in einem Akku gespeichert werden, sondern dank digitaler Technologie werden die Anlagen intelligent miteinander verknüpft. Die Mitglieder der Community teilen also ihren selbstproduzierten Strom untereinander – ohne einen Stromkonzern dazwischen.

Es macht auch Sinn, ohne selbst Stromerzeuger zu sein, Mitglied der Community zu werden. Mit einem Batteriespeicher sind Sie dabei. Es hat den Vorteil, dass die Community der Erzeuger auch auf Teilnehmer zurückgreifen kann, die unabhängig von den Schwankungen der Stromerzeugung bei Sonne und Wind Speicherkapazität bereitstellen. Eine dezentrale Energiegemeinschaft, die die Stromversorgung intelligenter, nachhaltiger und transparenter macht.

Noch ein weiterer Aspekt des Sharing ist wichtig, wenn wir die Macht der Marken im Auge behalten: Wenn jeder sein eigenes Auto kauft, spielt die emotionale Aufladung der Marke eine große Rolle. Entsprechend groß sind die Summen, die ins Marketing gesteckt werden. Kauft stattdessen ein Sharing-Betreiber ein, wird es zu einem B2B-Geschäft, von Unternehmen zu Unternehmen. Und damit spielen die Betriebskosten des Wagens eine entscheidende Rolle, tritt das Preis-Leistungs-Verhältnis in den Vordergrund. Damit werden diejenigen Produkteigenschaften gestärkt, für die Marken einmal standen: Qualität, Lebensdauer, gutes Preis-Leistungs-Verhältnis.

Ich erinnere mich an ein Interview mit einem Unilever-Manager, der als besonderen Ausweis des ökologischen Engagements seines Unternehmens hervorhob, dass mit den neuen Waschmitteln die Wäsche schon bei 20 Grad Wassertemperatur sauber werde – die Energie für das Aufheizen des Waschwassers werde gespart. Auf die Frage, ob es denn nicht noch viel ökologischer wäre, wenn Unilever ein Waschmaschinen-Sharing fördern würde, so dass viel weniger Geräte in den Haushalten benötigt werden, schüttelte er heftig den Kopf. Denn dann würde nicht mehr jede einzelne Hausfrau Waschmittel einkaufen, sondern jemand, der professionell nur Preis und Wasch-Leistung für die Kaufentscheidung heranzieht. Und damit würden ja die Investitionen in die eigene Marke entwertet.


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