Globalisierung zurückdrehen?

 Warum wir mehr Globalisierung brauchen, nicht weniger – offen, fair und transparent 

von Günter Faltin

Es fühlt sich wie Zeitenwende an. Globale Lieferketten sind unterbrochen, ganzen Industrien droht der Stillstand. Die Abhängigkeit von Vorprodukten für die heimische Produktion wird plötzlich sichtbar, die Komplexität der Abläufe und die damit verbundenen Risiken. Darunter finden sich auch existenziell notwendige medizinische Produkte. Eine gefährliche Abhängigkeit, wie die Corona-Krise zeigte. Was liegt in dieser Situation näher als das Nahe? Unternehmen überlegen, wie sie die Wertschöpfung und die Zulieferer näher zu sich zurückholen können. Die deutsche Bevölkerung sieht seit März die Globalisierung mehrheitlich eher als Risiko denn als Chance. Und auch Politik und Wissenschaft zeigen Verständnis. Die Globalisierung sei wohl zu weit gegangen. 

Dieser Trend zur De-Globalisierung wird durch Corona sichtbar und spürbar. Doch es steht mehr dahinter als nur ein Virus. Der Aufstieg der Populisten, die Konflikte im Welthandel – viele Regierungen sind längst vom Prinzip der Kooperation abgerückt, führten höhere Zölle und Restriktionen ein. Der Corona-Schock beschleunigt den Prozess nun. Führt diese Tendenz in eine wünschenswerte Entwicklung? 

Globalisierung, das war für die meisten Unternehmen ein radikales Programm für kostensparende Produktion. Aber es war immer auch ein Stück mehr als das – es war ein Versprechen, es verkörperte eine Hoffnung. Vor bald 40 Jahren haben Willy Brandt und Olof Palme argumentiert: Wenn wir die Arbeitsplätze nicht zu den Menschen in den Süden bringen, dann werden die Menschen zu uns kommen. Eine richtige Prognose, deren erste Phase wir bereits zu spüren bekommen haben. 

Bereits jetzt sind nach UN-Angaben mehr als 70 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht. Diese Zahl wird nach Meinung vieler Experten weiter stark wachsen, nicht zuletzt infolge des Klimawandels. Und das sind nur diejenigen, die ihre Heimat verlassen müssen. Dazu kommt die noch größere Zahl derjenigen, die aufbrechen wollen, um eine bessere Perspektive anderswo zu finden – so wie im 19. Jahrhundert viele Deutsche, Italiener oder Iren nach Amerika wollten, um ein besseres Leben zu beginnen. 

Im Oktober letzten Jahres fand man 39 Menschen in der Nähe von London erstickt in einem Lastwagen. Vietnamesen, die aus der Provinz Nghệ An im Norden des Landes stammten. Sie riskierten ihr Leben für den Traum, in einem reichen europäischen Land bessere Arbeitsbedingungen zu finden und ihre Angehörigen unterstützen zu können. Die 26 Jahre alte 

Pham Tra My stand bis zuletzt mit ihren Eltern in Kontakt. “I’m so sorry mom and dad. … My journey abroad doesn’t succeed,” schrieb sie. “Mom, I love you and dad very much. I’m dying because I can’t breathe. … Mom, I’m so sorry.” 

Die Familien hatten Kredite aufgenommen, umgerechnet etwa 30 000 US-Dollar pro Person, um das riskante, illegale Unterfangen nach England zu finanzieren. Neben dem Verlust ihrer Angehörigen müssen sie dieses Geld jetzt zurückbezahlen. Für die dortigen Verhältnisse riesige Summen. 

Brandt und Palme ging es bei ihrer Nord-Süd-Initiative darum, durch ein ökonomisches Miteinander die Lebensbedingungen überall in der Welt zu verbessern. Es ging also gerade nicht darum, Arbeitsplätze zu schaffen, egal ob die Arbeitsbedingungen schlecht sind und die Sicherheitsvorschriften niedrig, von Umweltvorschriften ganz zu schweigen. Das war die Globalisierung der Konzerne, wie wir sie kennen und sie hat in diesem Punkt versagt. Es braucht einen anderen Ansatz: Arbeitsplätze dort zu schaffen, wo Heimat ist, damit es für die Menschen auch Heimat bleiben kann. Arbeitsplätze zu menschenwürdigen Bedingungen, und unter Voraussetzungen, die die Umwelt nicht noch weiter beschädigen. 

Es ist ein Programm, für das es sich lohnt, die Globalisierung voranzutreiben. Beide Seiten, der Norden wie der Süden, würden davon profitieren. 

Und wir können das, sagt Jeremy Rifkin in seinem Buch über einen „Global Green New Deal“. Bisher sei es den Großunternehmen vorbehalten gewesen, den Kontakt zwischen den Herstellern in den Billiglohnländern und den Kunden in den reichen Ländern herzustellen. Es waren Unternehmen wie Wal-Mart oder die großen Anbieter von Textilien, die diesen Wurf über Zoll- und Kulturgrenzen hinweg leisten konnten. Sie waren die Nutznießer, die wahren Gewinner der Globalisierung, weil sie die enorme Differenz zwischen Herstellungskosten dort und Verkaufspreisen bei uns für sich nutzen konnten. 

Dank Digitalisierung, so Rifkin, ist es uns heute möglich, als Individuen mit den Herstellern direkt in Kontakt zu treten und selbst die Geschäfte abzuschließen. Wir können so viele der Weltkonzerne umgehen, die im Wirtschaftsleben des 20. Jahrhunderts die wesentlichen Mittler gewesen waren. Wenn wir uns direkt mit den Herstellern im Süden verbinden, machen wir uns unabhängig von den Konzernen, die bisher allein die Domäne beherrschten. Und wir können auch die anderen Stakeholder am Prozess des Austausches und seinen Vorteilen partizipieren lassen. 

Ja, wir können Globalisierung. Große räumliche Distanz bedeutet heute eben nicht mehr „weit entfernt“. Kommunikationstechnisch sind wir von einem Land wie Vietnam rund 330 Millisekunden entfernt. Die Kosten für ein Gespräch oder eine Videokonferenz sind praktisch Null. Aus logistischer Sicht ist der Seetransport von China oder Vietnam einfacher zu bewerkstelligen als das gleiche Volumen über den Landweg aus osteuropäischen Ländern zu bewegen. Und auch die Kosten für den Seetransport sind geringer. Von spurlos verschwundenen Lastwagen und deren Ladung ganz zu schweigen 

Solche globalen Initiativen können von Startups oder Einkaufsgenossenschaften geleistet werden, aber auch von Social Entrepreneurs, die ihre Freunde, Nachbarn und Kollegen motivieren, gemeinsam unternehmerisch tätig zu werden. Auch das ist dank Digitalisierung einfacher und überschaubarer, als man aus der Vergangenheit zu wissen glaubt. Nicht nur für die gesamte Logistik, sondern auch für alle administrativen und technischen Fragen gibt es Hilfen, Tools und Apps, häufig sogar fertige Komponenten, die man verwenden kann. 

Handel ist ein verbindendes, Frieden stiftendes Prinzip. Handel schafft eine win-win Situation für Käufer wie Verkäufer. Da gibt es keine Teufel, keine Feinde. Da gibt es keine Ideologie, keine Religion, die spaltet. 

Wenn der Handel fair ist – und keine Seite der anderen die Bedingungen diktiert oder diktieren kann– wird der internationale Austausch positiv. Gegen den Mangel an Fairness hilft Transparenz. Und Digitalisierung schafft Transparenz. Wir können sie einfordern. Und wir können selbst dazu beitragen. Mit direkten Kontakten und Käufen – also ohne lange und komplexe Lieferketten. Funktioniert auch und gerade unter den Bedingungen einer Virusattacke. Globalisierung in den Zeiten von Corona. 

Wir können im Schlepptau von Donald Trump das Gebäude der globalen Kooperation einreißen, oder wir können in der Tradition von Willy Brandt, Olof Palme und allen Befürwortern einer kooperierenden Weltgemeinschaft eine bessere Globalisierung mitgestalten. Offen, partizipationsfähig, fair und transparent. 

Da sollte die Wahl nicht schwerfallen. 

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