Interview mit Claudia Langer

Wie wollen wir leben? Ein „weiter wie bisher“ kann nicht funktionieren. Claudia Langer ist Entrepreneurin, Aktivistin und Innovatorin durch und durch. Sie gründete utopia, eine Internetplattform für ein nachhaltigeres Leben, und die Generationen Stiftung, die sich als Lobby der kommenden Generationen versteht. Und Claudia Langer ist Keynote Speakerin auf dem Entrepreneurship Summit 2020. Johanna Richter traf sie zum Inteview:

Claudia Langer

Claudia, schon vor dem Abitur hast du deine erste Agentur gegründet. Was hat dich so früh angetrieben zu gründen?

Ich wollte gar nicht gründen. Ich wollte nur, dass die Dinge passieren, die ich in meinem Kopf hatte. Ich wollte und will die Welt um mich herum verändern. Etwas gestalten. Aber ich musste immer gründen, um zu gestalten.

Weil es noch nicht gab, was du wolltest…

Genau. Da fehlt etwas, darum mache ich das jetzt. Und auch ein bisschen: Ich mache etwas, das mir Spaß bereitet. Ich bin ein sehr lustorientierter Mensch – und nicht alle meine Gründungen waren immer total vernünftig…

Du hattest Lust auf Werbeagentur? Deine zweite Agenturgründung „Start“ wurde ja schnell sehr erfolgreich.  

Ich wusste während der ganzen Werbezeit, dass es eine Episode ist, die mich dazu führt irgendwann gesellschaftlich zu arbeiten. Ich war auch nie Werberin. Bei Start stellte sich auch anfangs überhaupt keine Sinnfrage. Wir arbeiten viel für kleine und mittlere Familienunternehmen, das fand ich toll, dafür konnte ich auch echt gut Werbung machen. Und dann kam die Deutsche Bank als Kunde, und ich fühlte mich fremd in meiner eigenen Agentur. Und als meine Mit-Geschäftsführer ganz begeistert waren, und als nächstes mit Autos, Schnaps und Uhren weiter machen wollten, da wusste ich, es ist Zeit zu gehen.

Dann hast du mit der gesellschaftlichen Arbeit ernst gemacht und Utopia gegründet, heute das größte Nachhaltigkeitsportal Europas. Weil du Lust auf Öko hattest? Oder weil es das noch nicht gab?

Ich bin überzeugter Öko von Geburt an. Ich stand zwischen 14 und 18 in jeder Menschenkette, ich war an jedem Samstag demonstrieren, ich hatte wirklich Angst vor saurem Regen, vor Tschernobyl, vor den Amerikanern mit ihren Raketen. Aber Nachhaltigkeit war immer total unsexy. Das Brotaufstrichregal hat mich damals schon ästhetisch beleidigt und das tut es immer noch. Also wollte ich Nachhaltigkeit so sexy machen, dass es unwiderstehlich wird. Und so ist Utopia entstanden.

Eine Erfolgsgeschichte, oder?

Ich freue mich, dass es Utopia heute gut geht. Aber für mich war es eine gescheiterte Utopie – und ein finanzielles Desaster. Heute funktioniert Utopia als Marketingplattform. Die fischen da Klicks wie alle anderen auch, aber ich hätte das halt nicht gemacht. Ich wollte mit Konsumenten den Markt und die Welt verändern, und das hat nicht funktioniert. Ich hätte mindestens noch 10 % der Leute zum nachhaltigen Konsum bekommen müssen. Das schaffst du aber nicht.

…Aber dann stehen sie vor den Preisschildern, und finden total kreative Gründe, warum dann doch das Normalhuhn in die Suppe kommt…

Was spricht gegen den Geldschein als „Stimmzettel“ des Konsumenten?

Damit wird die Verantwortung auf den Konsumenten geschoben – aber das klappt nicht. Denn diejenigen, die das Richtige tun, haben immer einen Nachteil. Genauso wie die Unternehmen, die das Richtige tun, tendenziell einen Wettbewerbsnachteil haben. Wir haben viel Marktforschung gemacht, und immer wieder haben uns die Leute gesagt, dass sie im Laden ganz bestimmt das Ökohühnchen kaufen. Aber dann stehen sie vor den Preisschildern, und finden total kreative Gründe, warum dann doch das Normalhuhn in die Suppe kommt. Wir sind so – als Mensch, und als Verbraucher. Und deswegen ist es eine Ungerechtigkeit, dass wir dem Verbraucher die Wende aufhalsen.

Wem dann?

Die Entscheidung muss von oben kommen. Erst dadurch entsteht die Systemrelevanz, die ich bei Utopia erreicht wollte. Bei der systemischen, ganzheitlichen Veränderung ist der Verbraucher nur ein kleines Teilchen.

Beim Entrepreneurship Summit wirst du über deine Generationen-Stiftung sprechen. Warum hast du sie gegründet?

Was uns dabei treibt, ist die Sicherung der Existenz kommender Generationen. Die ist akut in Gefahr. Wir behaupten. wir seien die Krönung der Schöpfung und die intelligenteste Spezies auf diesem Planeten, und wir betreiben gerade kollektiven Selbstmord. Das macht mich ein bisschen nervös. Daraus entstand ein Gründen aus Not: Du hast das Gefühl, hier muss was passieren, aber keiner macht‘s.

Aber du hattest ja schon etwas gemacht: Das Generationen-Manifest von 2013 wurde maßgeblich von dir geprägt.

Das war zu meiner Utopia-Zeit. Wir hatten das so nebenbei gemacht, und wurden dann überrollt vom Erfolg, mit mehr als 100.000 Unterschriften, und ständigen Nachfragen, wie es denn weiter gehe. Ich hätte mich eigentlich gefreut, wenn in dieser Situation jemand anderes eine solche Stiftung gegründet hätte, aber da gab es niemand.

Und: Wie geht es weiter?

Jetzt wollen wir eine Million Unterschriften. Wir wollen, dass Frau Merkel raustritt und mit uns redet, und dafür sammeln wir Verhandlungsvollmachten.

Hättest du dafür nicht auch bei einer schon bestehenden Institution einsteigen können, statt eine neue zu gründen?

Fast alle NGO’s oder Stiftungen in Deutschland sind monothematisch. Menschenrechte, Ende Gelände, Umweltschutz, Greenpeace, jeder hat einen Fokus. Wir denken, dass alles miteinander verhakt ist. Wir könnten nicht nur die Seebrücke sein, weil wir sehen, dass die Seebrücke mit Klimawandel extrem verschränkt ist. Und Klimawandel ist extrem mit Wirtschaft verbunden und die mit Steuern und und und … Wir wollen uns nicht auf eine Box beschränken. Generationen-Gerechtigkeit ist mehr als das.

Kann man da überhaupt dagegen sein?

Eigentlich nicht – das ist ein no-brainer. Alle Leute nicken ohne nachzudenken. Aber wenn man ihnen in einer zweiten Stufe sagt, was Generationen-Gerechtigkeit bedeuten würde für unser heutiges Wirtschaften, für ihre persönliche Reisefreiheit, für den Platz, auf dem sie wohnen, für den Besitz, den sie haben, dann finden sie Generationengerechtigkeit überhaupt nicht mehr so toll. Also, dann doch lieber auf Kosten der eigenen Kinder leben, denn das tun wir gerade.

Wir sind eine verlorene Generation.

Was sollten wir statt dessen tun?

Auf die Straße gehen. Wo sind all die Leute? Leute wie Du?! Wo seid ihr alle? Meine Freunde sitzen im Prinzessinnengärtchen und glauben, dass Gärtnern politisch ist. Super. Ich finde Gärtnern auch sweet – aber das ist einfach lächerlich. Wir sind eine verlorene Generation. Wir machen alle unser eigenes individualistisches Zeug. Wir sind nicht in der Lage zu kooperieren. Und das ist so eine Sache, die wir total, total, total ändern wollen. Gerne mit dir. Gerne mit euch. Mit den Reichen geht es halt nicht: Ich kann denen nicht verkaufen, dass ich für Vermögenssteuer bin und trotzdem von ihnen Spenden bekommen. Ich müsste mich immer verbiegen – und das kann ich so wahnsinnig schlecht.

Oftmals fühlt man sich alleine, wenn man etwas ändern will, wenn man etwas gründen will. Hast Du Tipps für Leute, die Ideen haben, sich aber nicht trauen, weil sie auf Widerspruch im eigenen Freundeskreis stoßen?

Ehrlich gesagt: nein. Wer nicht die Energie hat, durch die Wand zu brechen, für den habe ich keinen Tipp. Denn das kann man niemandem beibringen. Da macht man Leute auch unglücklich, wenn man sie überredet. Das erste „durch die Wand rammen“, das musst du alleine machen und das musst du alleine tragen und mit dem Schmerz musst du zurechtkommen. Danach kannst Du Dir Hilfe suchen. Und die gibt es auch.

 

Claudia Langer ist beim Digitalen Entrepreneurship Summit 2020 vom 07. bis zum 11. Oktober mit dabei.
Tickets findest Du hier.

Eine Idee zu “Interview mit Claudia Langer – Keynote Speakerin auf dem Entrepreneurship Summit 2020

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