Chetna Gala Sinha ist eine indische Sozialaktivistin, die sich für Empowerment von Frauen in dürregefährdeten Gebieten des ländlichen Indiens einsetzt. 1997 gründete sie die Mann Deshi, Indiens erste Bank von und für Frauen. Darüber hinaus war sie 2018 Co-Vorsitzende des Weltwirtschaftsforums in Davos. Nils Jonas Hein sprach mit ihr darüber, wie Entrepreneurship zur Stärkung von Frauenrechten beitragen kann:


Wie hast du anfangs die öffentliche Aufmerksamkeit auf das Thema gelenkt und andere von deinem Vorhaben überzeugt?

Heute lächle ich und höre mir deine Frage an. Aber als ich beschloss, die die Bank zu gründen, haben mich alle ausgelacht. Als unsere Lizenz abgelehnt wurde, haben sie sich über unsere Frauen lustig gemacht. Diese Frauen, die keinen Schulabschluss haben, versuchen, lesen und schreiben zu lernen und eine Bank zu gründen.

Es ist eine Sache anderen zu sagen, ‚ihr werdet es nicht schaffen‘, aber die andere ist, dass man lacht und versucht, ihnen das Selbstvertrauen zu nehmen. Dennoch war das die Reaktion und ich war mir auch nicht immer sicher, ob wir es schaffen würden. Mich hat jedoch sehr ermutigt, dass all die Frauen um mich herum mir täglich sagten, dass wir es schaffen werden.

Und wenn ich heute darüber nachdenke, dann wird mir klar, dass, wenn ich damals an Orten wie Yale oder Harvard gewesen wäre, dann hätten sie dort zu mir gesagt, dass ich es nicht schaffen kann. Selbst in Mumbai habe ich diese Dinge gehört. Aber die Frauen hatten so viel Selbstvertrauen, weil sie immer Veränderungen in ihrem Leben gesehen haben. Sie sind in der Landwirtschaft tätig. Sie bewirtschaften ihr Land. Wenn es eine Dürre gibt, dann versuchen sie, eine Lösung dafür zu finden. Wenn man sich mit diesen Leuten umgibt, dann fängt die Sache an mit: „Ja, wir können es tun und wir werden es tun.“ Es ist nicht dieses ewige ‚Lass mich zunächst einmal prüfen, ob …‘

Mir sagten jedoch nicht nur die Leute vor Ort, dass ich es nicht schaffen würde, sondern auch meine Freunde und Kollegen in Mumbai, mit denen ich studiert hatte. Alle haben gesagt: „Was denkst du dir dabei? Du willst eine Bank gründen? Das ist nicht einfach … und vor allem an einem kleinen Ort. Wie willst du die notwendige Technologie dorthin bekommen?“ Es war also eine sehr negative Reaktion von allen.

Aber all die Frauen im Dorf haben an das Projekt geglaubt – und mein Team hat auch daran geglaubt. Und heute sitze ich hier in diesem sehr kleinen Dorf und spreche mit dir über Zoom. Die Dinge haben sich sehr verbessert, aber es gab auch andere Zeiten. Also, zum einen gilt es an sich selbst zu glauben und zum anderen beharrlich zu sein … beharrlich und geduldig.


Was sind deine größten Erfolge mit Mann Deshi?

Eine unserer Damen, die einen Chai-Stand auf der Straße betrieb, wurde eines Tages von der Polizei verhaftet. In Indien betreiben viele Leute ihre Geschäfte auf der Straße, aber normalerweise tun sie dies an der Ecke. Der Grund, warum sie verhaftet wurde, war, dass sie ihr Geschäft an einem öffentlicher Platz betrieb und dafür subventioniertes Gas benutzte, welches nicht für kommerzielle Zwecke verwendet werden darf.

Sie fuhr also jeden Tag auf dem Fahrrad von zu Hause aus zu dem Platz, um Chai zu verkaufen und am Abend fuhr sie zurück. Als sie verhaftet wurde, holten wir sie nach zwei Tagen aus dem Polizeigewahrsam und glaubten, dass sie am Boden zerstört sein müsse. Aber sie sagte: „Nein, ich werde einen Kredit aufnehmen und ich werde einen Ort anmieten, an welchem ich meinen eigenen Schnellimbiss einrichten kann. Ich werde beweisen, dass ich Geschäfte machen kann.“

Wir waren davon überzeugt, dass sie ein Beispiel für andere sein kann und alle Frauen um sie herum, die Frauen im Dorf, das wissen sollten. Also starteten wir ein Radio, um diese Geschichten teilen zu können. Wenn man solche Erfahrungen macht, dann fängt man an, über neue Ideen nachzudenken. Ich habe das Gefühl, dass unser Radio der erste richtige Erfolg war.


Was ist deiner Meinung nach für Frauen die größte Herausforderung, wenn sie den Weg des Unternehmertums einschlagen?

Die größte Herausforderung ist, dass alle sagen: „Das schaffst du nicht … das ist nicht möglich!“ Ich möchte dafür ein anderes Beispiel mit dir teilen.

Eine unserer Damen, Vanita, betreibt eine landwirtschaftliche Produktionsfirma. Sie hat noch nicht einmal die Schule abgeschlossen. Und als sie beschloss, eine als sie sich dazu entschloss sagte ihr jeder: „Das schaffst du nicht.“ Und nicht nur das. Als sie ihre Firma registrieren wollte, hatte sie ihre Eigentumspapiere nicht dabei, da in Indien der Besitz auf den Namen des Mannes läuft.

Sie musste also erst ihren Mann davon überzeugen. Dennoch besorgte sie sich die Papiere, machte sich selbst zur Miteigentümerin des Grundstücks und registrierte schließlich die landwirtschaftliche Produktionsgesellschaft. Ihr Beispiel gab so vielen Frauen den Mut zu sagen: „Wir werden ebenfalls unseren Namen auf die Grundstückspapiere setzen.“

Das sind die Herausforderungen. Da niemand diese Dinge bisher getan hat, glaubt man, es nicht schaffen zu können. Aber das stimmt nicht. Niemand hat bisher eine Bank für Frauen gegründet. Niemand hat hier ein Radio für Frauen gegründet. Aber wir haben es geschafft!


Welche Auswirkungen hat COVID-19 auf die Kleinstunternehmerinnen, mit denen du zusammenarbeitest? Wir reagieren sie auf die Krise?

Dazu ein weiteres Beispiel: Eine meiner Frauen, die Schuluniformen näht, hatte vor der Pandemie einen großen Auftrag von der Schule. Dann gab es plötzlich den Lock-down und die Schulen wurden geschlossen. Weil die Schulen geschlossen waren, gingen die Kinder nicht zur Schule und niemand bestellte eine Uniform. Dabei hatte sie schon alles für diesen Auftrag eingekauft, für mehr als 5000 Schuluniformen. Sie hatte sehr viel investiert.

Als sie darüber nachdachte, was sie nun tun sollte, dachte sie bei sich: „Ich habe so viel Stoff in meinem Hause, aber nichts zu essen.“ Da zu diesem Zeitpunkt der Pandemie keine Masken verfügbar waren, beschloss sie also, das gesamte Material für die Herstellung von Masken zu verwenden.

Trotz der Ausgangssperren stellte sie sich mit hunderten Masken auf die Straße und fing an zu verkaufen. Und die Regierungsbeamten erlaubten es ihr, da es sonst nirgendwo Masken zu kaufen gab. Und als sie sah, dass sie innerhalb von zwei Stunden Hunderte von Masken verkaufen kann, gründete sie mit anderen Frauen eine Gruppe auf WhatsApp, eine virtuelle Trainingsgruppe, in der man lernen kann, Qualitätsmasken herzustellen.

Ich bin so stolz darauf, dir mitteilen zu können, dass wir sie danach von Cipla, einer der besten Pharmafirmen des Landes, haben schulen lassen. Bis zum heutigen Tag hat sie bereits 800.000 Masken verkauft und wird bald auf einem großen WhatsApp-Event eine Rede halten, weil sie WhatsApp für ihr Business genutzt hat.


Wie hat sich COVID-19 auf die Arbeit der Mann Deshi Bank ausgewirkt und wie gehst du mit diesen neuen Herausforderungen um?

Am Anfang herrschte eine große Anspannung in der Bank, da eine Bank eine Institution ist, welche Zinsen auf Ersparnisse gibt. Wir müssen die Zinsen all dieser Frauen bedienen, welche ihr Geld bei uns angelegt haben. Man muss darüber hinaus noch dem Tagesgeschäft nachgehen und das Gehalt der Angestellten bezahlen.

Wegen der Pandemie kam niemand in die Bank. Aber gleichzeitig wollten alle Leute Transaktionen tätigen. Glücklicherweise hatten wir zu diesem Zeitpunkt bereits digitales Banking, hatten bereits unsere Geldautomaten. Also mussten wir sicherstellen, dass unsere Geldautomaten immer ausreichend gefüllt sind. Indien ist immer noch eine Bargeldwirtschaft, keine vollständig digitale Wirtschaft. Das war der erste Schritt.

Der zweite Schritt war, dass wir zwar Mobile Banking anbieten, aber viele Leute es nicht nutzen können. Also haben wir unser Radio benutzt, um den Leuten zu erklären, wie man das macht. Außerdem sind einige unserer Mitarbeiterinnen von Dorf zu Dorf gefahren, um es den Leuten zu erklären. Es war wichtig, den Kunden diese Möglichkeit anzubieten.

Noch wichtiger: Die Menschen brauchten Notkredite. Gerade in einer Pandemie braucht jeder das. Wenn ich ein Geschäft mit, sagen wir, Stoffen betreibe und jetzt auf Lebensmittel umsteigen muss, dann habe ich keine Glaubwürdigkeit auf dem Markt. Ich kenne die Leute nicht, und niemand wird mir einen Kredit geben.

Also schufen wir das Produkt ‚Credits for Emergency‘, sehr kleine Geldbeträge, und baten sie an der Haustür an, weil die Leute nicht in die Bank kommen konnten. Unser gesamtes Personal war damit sehr beschäftigt. Unsere Mitarbeiterinnen fuhren auf Motorrollern herum und damit die Polizei sie nicht anhielt, brachten sie ein großes Schild an, auf dem stand: „Ich bin eine Banker“. So haben wir uns den Herausforderungen gestellt.

Das Radio spielte dabei auch eine immens wichtige Rolle. In Indien ist man es nicht gewohnt, sich sozial zu distanzieren. Es gibt kein Konzept sozialer Distanz in Indien. Wie erzählt man sich also all die wichtigen Dinge? Dabei hat uns das Radio sehr geholfen.

 

→ Hier geht es zum dritten Teil des Interviews.

 

 

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