Vorhandenes entdecken – 1/2

Der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Israel M. Kirzner (1978) hat diese Beobachtung in den Vordergrund gerückt: Vorhandenes Entdecken nennt er die Kerneigenschaft des Entrepreneurs. Der Begriff ist nur scheinbar paradox. Etwas ist bereits vorhanden, muß also nicht neu erfunden werden, kann aber dennoch in seiner Bedeutung und seinen Potentialen neu erkannt und entdeckt werden.

Berühmtes Beispiel hierfür ist das Telefax. Es gibt die Erfindung seit langem (Mit Hilfe eines Gerätes in einer kleinen Schachtel konnte laut Juni-Ausgabe 1938 (!) der Zeitschrift Scientific American jeder, der ein Radio oder Telefon besaß, über Fax eine Zeitung empfangen (zitiert nach Die Welt vom 28.11.1992)), und sie ist in den letzten Jahren von ganz anderen Firmen als den Erfindern und denen, die sie zunächst zu vermarkten versuchten, weltweit erfolgreich eingeführt worden.

Ein anderes, aktuelles Beispiel: Sergio Rial, Bankmanager aus Brasilien, wird zum Aufbau einer Bank nach China beordert. Er arbeitet sich in das Bankwesen des Landes ein, aber ihm fällt noch etwas anderes auf: Hühnerfüße. Ja, Hühnerfüße. Die werden in China gegessen. Nicht nur die Schenkel, wie bei uns, sondern die Krallen – sie gelten sogar als Delikatesse. Was alle anderen Chinabesucher auch sehen, sieht Rial mit wacheren Augen. In Brasilien ißt kein Mensch die Hühnerfüße. Auch in Argentinien und den anderen südamerikanischen Ländern nicht. Dabei sind Brasilien und Argentinien die führenden Hühnerproduzenten dieser Welt. Was passiert dort mit den Hühnerfüßen? Sie können sich den Rest der Geschichte denken. In der Far Eastern Economic Review hieß es dazu lapidar: „Rial started to mediate the flows of chicken feet from South America to Asia“.

Wie wäre es mit einem Unternehmen „Wasserhyazinthe“? Die Wasserhyazinthe ist eine Pflanze, die in tropischen Ländern in Flüssen und Seen wuchert, sich rasch vermehrt und die Gewässer verstopft. Für Einheimische wie für Touristen ein alltäglicher Anblick. Ein Material, das frei verfügbar ist. Man findet den Rohstoff einfach vor, muß nicht säen, düngen, Zäune bauen, sondern braucht nur zu ernten. Und tut selbst damit noch etwas Nützliches. Darüber, wie man Wasserhyazinthen nutzbringend verwenden könnte, ist viel nachgedacht worden. Als Schweinefutter und zur Kompostgewinnung theoretisch verwendbar, erwies sich die Pflanze jedoch durch ihren Gehalt von mehr als 98 % Wasser und einem Rest zäher Faser als unwirtschaftlich, auch für die meisten anderen Verwendungsmöglichkeiten. Die Forschungsarbeiten auf diesem Gebiet, ohne praktisches Resultat, füllen ein dickes Buch.

Teil 2 von „Vorhandenes entdecken“

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