Widerstand ist das Gebot der Stunde

Widerstand ist das Gebot der Stunde

von Günter Faltin (Auszug aus „David gegen Goliath“)

Warum leisten wir nicht mehr Widerstand? Ist der Werbezirkus schon so selbstverständlich geworden, dass wir ihn gar nicht mehr richtig wahrnehmen?

Manchmal taucht der Widerstand an Orten auf, wo wir ihn am wenigsten vermuten.

Kitzbühel.
Sommerhochschule für Entrepreneurship in Kitzbühel. Sie wissen, ein mondäner Ort. Viel Schickimicki. Alle Marken dieser Welt in dem teuren Platz versammelt. Ein Ort, an dem man gewiss keine Kapitalismuskritik erwartet. Am Abend eine Podiumsdiskussion, veranstaltet von einem Sponsor des Events, dem Rotary Club. Eine Organisation, von der man keine Kapitalismuskritik erwartet. Der Vorsitzende des Clubs, ein erfolgreicher Unternehmer, konservativ wie man es nicht anders erwarten kann. Und dann passiert folgendes. Er wählt die Kaffeekapseln von Nestlé und empört sich darüber, wie man so ein Produkt in den Markt bringen kann. 200 Liter Wasser nötig für die Produktion einer einzigen Kapsel. Er ist aufrichtig empört, das spürt man, und er macht auch keinen Hehl daraus. Das sei etwas, was man nicht hinnehmen dürfe.

Ist das nicht ein interessanter Punkt? Mehr als nur ein Detail? Ein völlig konservativer Mann, weit entfernt von kritischer Kapitalismus-Rhetorik, aber empört über das, was Nespresso mit seinen Kapseln als Ökonomie anbietet. Ist es nicht ein Zeichen dafür, dass ein Konzern wie Nestlé überzieht? Dass er arrogant über die Meinungen der Menschen hinweg geht – kritischer konservativer Menschen – und mit viel Kapital etwas durchsetzt, das weder jemand braucht noch 15 mal teurer bezahlen muss, als man es für etwas wie Kaffee zu bezahlen braucht.

Phnom Penh.
Die Hauptstadt Kambodschas ist eine der schönsten und in ihrem französischen Flair noch einigermaßen erhaltenen Städte Asiens, berühmt für ihren Blick auf ein weites Flusspanorama, den Zusammenfluss des Tonle Sap mit dem Mekong. Auch die Bewohner der Stadt genießen den Blick von der Uferpromenade, die ein wenig an Cannes erinnert.
Eines Abends: Zwei Leuchtreklamen tauchen auf. Riesengroß, so, dass man sie auch auf mehrere Kilometer Entfernung sehen kann. Und nicht nur das. Sie bestimmen die Nacht. Werden zum unwillkürlichen Blickpunkt der Einwohner. Clevere Marketingleute haben sich das ausgedacht und die Gerüste auf der gegenüberliegenden Seite des Tonle Sap aufbauen lassen. Auf der einen Tafel steht SUZUKI, auf der anderen HONDA.
Ein Sturm der Entrüstung bricht los. Obwohl die Kambodschaner sich dringenderen Problemen gegenübersehen als einer frechen Leuchtreklame, wächst der Widerstand gegen die Verschandelung der nächtlichen Aussicht auf den Fluss. Und wird schließlich so groß, dass die Leuchtkonstruktionen wieder abgebaut werden müssen.

Vielleicht haben wir Konsumenten die Schlacht schon verloren. Vielleicht spüren wir den Verlust nicht mehr. Die Bedürfnisindustrie und ihre Mangelproduzenten rüsten auf. Marken werden raffinierter, manipulativer. Forschung hilft dabei. Digitalisierung noch mehr. Die Wahrnehmung wird schwächer. »Die zur zweiten Wirklichkeit gewordene Medienwelt scheint den Sinnen ihre Unmittelbarkeit, ja ihre lebendige Wahrheitshaltigkeit zu nehmen«, sagt der Soziologe Oskar Negt. In Zeiten allgemeiner Täuschung, so George Orwell, wird die Wahrheit zu sagen bereits zu einer revolutionären Tat.

Vielleicht ist der Widerstand aussichtslos. Ich verstehe es ja. Sie wollen das alles nicht mehr hören. Es wurde schon hundertmal gesagt. Natürlich sei es richtig, aber was soll man dagegen tun? Und ehrlich gesagt, Werbung ist doch oft witzig, lässt uns lachen, lässt uns träumen. Kleine Kunstwerke, solche Werbespots. Die Kreativmenschen spielen ihre Instrumente virtuos, beherrschen die Gratwanderung zwischen Verführung und Aufdringlichkeit. Verstehen etwas von Eleganz, Ästhetik und der Macht der Bilder. Meisterhaft. Es ist bequem, wir werden verwöhnt. Das Ganze hat hohen Unterhaltungswert. Sehen wir es doch als Begleitprogramm. Scheint zu unserem Wirtschaftssystem zu gehören. Tut nicht weh. Schadet niemandem. Im Gegenteil. Haben wir doch alle etwas davon. Steigende Umsätze, steigende Einkommen, mehr Steuern, sichere Renten.

Ja, das scheint der Punkt zu sein. Die Richtung stimmt: mehr Wachstum. Und dazu brauchen wir Marketing. Schöne Neue Welt der Ökonomie.

Also: Lassen wir die Marken doch machen. Wenn es Menschen gibt, die viel Geld nur für den Schein der Ware ausgeben wollen, sollen sie doch. In einer freiheitlichen Demokratie muss auch Eitelkeit und Dummheit erlaubt sein. Einverstanden.

Der Punkt ist nur: Es trifft nicht nur Einzelne und Dumme – es trifft uns alle. Marken erlauben die Spreizung zwischen Herstellungskosten und Verkaufserlös, diese Spreizung erst lässt Gewinne erwarten, und diese Gewinnerwartungen führen zu steigenden Investitionen. Im Bereich der Markenindustrien. Die Dynamik dieses Systems und seines Wachstums hängt an der Anziehungskraft des Marken-Scheins und dem Wecken immer neuer Bedürfnisse. So leisten wir uns den Luxus, neue Bedürfnisse herauszukitzeln statt auf die drängenden, existienziellen Probleme unserer Gesellschaft zu antworten. Wenn wir etwas ändern wollen, müssen wir hier ansetzen.

Welche Konsequenz sollen wir aus solchen Überlegungen ziehen? Auf die Änderung der Regeln durch die Politik hoffen? Oder gar auf ein neues Wirtschaftssystem? Oder kann auch ein Wandel gelingen innerhalb des Systems?


Auf diese und viele weitere Fragen suchen wir gemeinsam mit Ihnen auf dem Entrepreneurship Summit 2020 – vom 9. bis 11. Oktober – Antworten. Lernen Sie GründerInnen und Visionäre kennen, die bereits mit ihren innovativen Produkten, Dienstleistungen, Initiativen und Forschungen Widerstand leisten und zeigen, wie jeder Einzelne ein Teil eines ökonomischen Umdenkens werden kann. Widerstand ist das Gebot der Stunde. Zeigen Sie Widerstand, indem Sie mit ihrem Geld nachhaltige, fair produzierte und gehandelte, möglichst lokale Produkte kaufen. Zeigen Sie Widerstand, indem Sie ihr eigenes Handeln und Wirken in ihrer Umgebung hinterfragen und die Bereitschaft aufbringen, diese Erkenntnisse spürbar in ihren Alltag zu integrieren. Wir können Ökonomie besser. Gemeinsam. Und wir müssen.

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