Weniger ist Mehr

Weniger ist Mehr

von Günter Faltin (Auszug aus „David gegen Goliath“)

Es spricht vieles dafür, dass wir in Zukunft mit weniger materiellem Konsum auskommen müssen. Die Kunst wird darin bestehen, das Weniger so attraktiv zu machen, dass die Menschen es annehmen. Gerne annehmen. Eine absolut neue Aufgabe für Ökonomen. Weil bis heute in den meisten Köpfen die Vorstellung des Mehr als Glücksbringer sitzt.

Zukunftsfähiges Entrepreneurship setzt auf weniger. Schaffen wir zeitlose Designs, seien wir stolz darauf, gerade keinen Modellwechsel zu propagieren. Sagen Sie nicht, das sei eine utopische Forderung. Die Teekampagne hat seit 30 Jahren das gleiche Design und die gleichen Produkte. Ich bin fest davon überzeugt, dass dies einen Teil unseres Erfolges ausmacht. Eine gegebene Menge an Bedürfnissen so exzellent wie möglich zu befriedigen, statt immer mehr und immer neue Bedürfnisse herauszukitzeln.

Eine Ökonomie, die sich den Herausforderungen der Zukunft stellt, wird es sich zur Aufgabe machen, die Bedürfnisse des Schlaraffenlandes so exzellent wie möglich zu erfüllen – aber nicht, die Definition des Schlaraffenlandes immer weiter auszudehnen. Es gäbe uns als Nebeneffekt den ökonomischen Spielraum, lieber denen zu helfen, die in Not sind, die noch nicht unsere Stufe erreicht haben, materielle Not hinter sich zu lassen.

»Wir werden sogar mit Sicherheit dahin gelangen, dass zu Recht die Frage gestellt wird, ob es noch immer richtig und nützlich ist, mehr Güter, mehr materiellen Wohlstand zu erzeugen, oder ob es nicht sinnvoll ist, unter Verzichtleistung auf diesen Fortschritt mehr Freizeit, mehr Besinnung, mehr Muße und mehr Erholung zu gewinnen.«

Sie denken, es sei ein Zitat aus dem frühen Marx? Leider daneben! Das Zitat stammt von Ludwig Erhard aus dem Jahre 1957 aus seinem Buch Wohlstand für alle.

Wertschöpfung der anderen Art

Die Aufgabe heißt: Wie kann ich als Entrepreneur auf Bedürfnisse reagieren, die von der herkömmlichen Ökonomie – aber auch von der Politik – als unrealistisch abgetan werden? Könnte es sein, dass die Werbemenschen, weil sie meist aus einem künstlerisch-kreativen Hintergrund kommen, den Sachverhalt der Bedürfnisse aus dem Seins-Modus erkennen, aber die im konventionell ökonomischen Denken verhafteten Manager nicht anders als in konventionellen Haben-Produkten denken können?

Gibt es nicht längst eine Ökonomie, die den Haben-Modus fast unbemerkt verlassen hat und ohne den Verkauf von Produkten oder anderen Materie-verhafteten Dingen auskommt? Wertschöpfung der anderen Art.

Für Ökonomen ist es im Grunde Konsens, dass eine Stunde Therapie oder Massage ebenso viel Wert darstellt wie eine Stunde Industriearbeit. So wie man früher einzig der landwirtschaftlichen Arbeit Wert zusprach und es erst der Gewöhnung bedurfte, auch Fabrikarbeit als wertschöpfend zu betrachten, stehen wir heute in einer Situation, die uns Schwierigkeiten macht zu verstehen, dass der technische Fortschritt mehr Raum für Tätigkeiten ganz anderer Art schafft. Mehr Möglichkeiten etwa für Menschen, sich in emotiven (sozial-emotionalen) Berufen zu engagieren. Warum sollten wir uns nicht einen Wohlstand im Seins-Modus vorstellen können? Immerhin sieht selbst der liberale The Economist »a world of artists and therapists, love counsellors and yoga instructors« entstehen.[1]

Für die Zukunft könnten solche auf der Befindlichkeits- und Beziehungsebene angesiedelten Tätigkeiten genauso wichtig werden, wie es Schmiedearbeit zu Beginn der Industrialisierung war, auch dann, wenn sie zunächst auf wenig Beachtung stoßen, weil man sie – im alten Denken gefangen – für unproduktiv hält.


Auf dem Entrepreneurship Summit 2020 – vom 9. bis 11. Oktober zum ersten Mal in digitaler Form – versuchen wir gemeinsam mit ihnen die Zukunft neu zu denken. Nehmen Sie gemeinsam mit unseren Experten und den anderen Teilnehmern neue Perspektiven ein, erweitern Sie ihr Wissen und vernetzen Sie sich mit interessanten und innovativen Menschen.

[1] Vgl. The Economist vom 18.01.2014.

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