Ohne Wirtschaftswachstum in die Katastrophe?

Ohne Wirtschaftswachstum in die Katastrophe?

von Günter Faltin (Auszug aus „David gegen Goliath“)

Es gehört zur Normalität, dass Politiker im einen Moment Nachhaltigkeit versprechen und im nächsten Moment nach Wachstum rufen. So als sei Wachstum die Lösung und nicht das Problem. Sobald jemand auf Abkehr von Wachstum plädiert, treten die Katastrophenmaler auf den Plan.[1]

Malen furchterregende Szenarien. Weniger Konsum, weniger Arbeitsplätze, weniger Steuern, weniger Staatsausgaben, sinkende Renten, noch weniger Konsum, weniger Arbeitsplätze, noch weniger Einkommen und immer so weiter.

Lassen wir uns von solchen Szenarien nicht einschüchtern. Das Auf und Ab der Konjunktur ist in der Wirtschaftstheorie gut untersucht. Abschwünge kleineren oder größeren Ausmaßes gab es schon immer. In keinem Fall fand eine Endlos-Spirale nach unten statt. Konjunkturforscher haben immer wieder beschrieben, dass es im Abwärtsverlauf zu einem Wendepunkt kommt und zu einem Wiederanstieg. Die Katastrophenmalereien entbehren einer sachlichen Grundlage. Wir können ohne quantitatives Wachstum auskommen.

Während des längsten Teils der Geschichte waren Zeiten wachsenden Wirtschaftswachstums die Ausnahme und Zeiten wirtschaftlicher Stagnation die Regel. Erst um die Mitte des 20. Jahrhunderts loderte das Wirtschaftswachstum zu einer Art Stichflamme auf, die nach und nach immer größerer Teile der Welt erfasste, argumentiert Meinhard Miegel.[2] Bereits in den 1970er-Jahren stellten sich in den damals wichtigsten Industrienationen geringere Wachstumsraten ein, die man glaubte mittels kreditfinanzierter Konjunkturprogramme erhöhen zu können. Die Mehrung des materiellen Wohlstands war unbestrittenes Ziel. Seit wir die Grenzen des Wachstums erkennen, stellt sich die Frage nach Wirtschaftswachstum und materieller Wohlstandsmehrung neu. Längst gibt es, ganz offiziell, Versuche, den »Wohlstand« einer Nation nicht nur an dem Wert der produzierten Güter und Dienstleistungen zu messen, sondern um andere Faktoren zumindest zu ergänzen. Wir erleben bereits heute eine zunehmend kritische Haltung gegenüber dem Besitz möglichst vieler Konsumgüter.[3]

Wohlstand müsse künftig etwas qualitativ anderes sein als vorrangig materielle Güter, so Miegel. Wohlstand beginne da, wo das Wachstum ende. Freude an der Natur, der Kunst, dem Schönen, dem Lernen; menschengemäße Häuser und Städte mit Straßen und Plätzen, die die Bewohner gerne aufsuchen; ein intelligentes Verkehrssystem; gelegentliche Stille; sinnenfroher Genuss; die Fähigkeit des Einzelnen, mit sich selbst etwas anfangen zu können, und nicht zuletzt die Gewissheit, Teil einer lebendigen solidarischen Gemeinschaft zu sein.

Wenn es um drohende Katastrophen geht, dann kommen stattdessen Szenarien in den Sinn, die gerade durch immer mehr Wachstum wahrscheinlich werden. Ein massiver Anstieg von Wetterkatastrophen, der Anstieg der Meeresspiegel. Wer zahlt dann Ihre Renten, wenn Sie noch am Leben sind? Wenn die westliche Konsumkultur zum Leitbild für den «Rest» der Welt wird, wie soll der Planet das aushalten? Wenn immer mehr Natur betoniert und vergiftet wird, wofür können wir unsere Renten dann noch ausgeben? Wenn wir Völkerwanderungen kaum vorstellbaren Ausmaßes erleben, weil wir ökonomisch weiter wie bisher agieren, wer kümmert sich dann noch um unsere Renten?

Stemmen wir uns gegen die Dynamik des Systems, solange noch Zeit dafür ist. Noch haben wir die Chance, einen anderen Weg zu gehen. Wir sind der Dynamik des Systems nicht hilflos ausgeliefert. Wir können etwas tun. Wir müssen sogar. Künstlichen Mangel zu schaffen und der damit einhergehende Marken-Unsinn sind eine Perversion von Ökonomie. Sie sind nicht schützenswert. Sind ein Verrat an den in Jahrhunderten herausgebildeten Prinzipien der Ökonomie: Hohe Qualität zu produzieren und preiswert zu liefern. Darauf beruht die Legitimation des marktwirtschaftlichen Systems. Eine Wirtschaftsordnung, die systemimmanent Ungleichheit von Einkommen und Vermögen produziert, ist nur akzeptabel, so schon Ludwig Erhard, wenn es im Gegenzug Wohlstand für Alle schafft, wenn das System „liefert“, wenn es qualitativ hochwertige Produkte so preiswert wie möglich bereitstellt. Wenn die Leistungen des Systems seine Schwächen deutlich überwiegen. Nur dann kann man die Schwächen des Systems hinnehmen und verteidigen. Wenn demgegenüber die Unternehmen aus diesem Ordnungsrahmen herausfallen und sich den von ihnen erwarteten Leistungen systematisch entziehen, gibt es keine Argumentation mehr, ein solches Wirtschaftssystem zu rechtfertigen.

Der hier vorgeschlagene Weg beschreibt einen Systemwandel, der sich ohne Radikalität, ohne große Verwerfungen vollziehen kann. Der Veränderungen bewirken kann, bevor durch gravierende Ereignisse Änderungen erzwungen werden. Und es ist ein Konzept, bei dem jeder Einzelne entsprechend seiner Fähigkeiten und Wünsche aktiv werden kann – ohne auf Genehmigungen oder Mehrheiten warten zu müssen.
Es ist eine Lösung, die im bestehenden System funktioniert und nicht auf ein noch in den Wolken stehendes neues System angewiesen ist. Ein Weg über freie Entscheidung statt über staatlichen Zwang.


Auf dem ersten digitalen Entrepreneurship Summit – vom 09. bis 11. Oktober 2020 – zeigen unsere ExpertenInnen wie wir gemeinsam einen Systemwandel bewirken können. In Keynotes, Workshops und Impulsgruppen werden Erfahrungen und Erkenntnisse ausgetauscht und nach neuen, innovativen Ideen und Lösungen gesucht, um den Wandel voranzutreiben.

[1] Gemeint sind die Anhänger einer extrem expansiven Geldpolitik, wie sie vor allem vom Euro-Zentralbankchef Mario Draghi in seiner Amtszeit seit 2011 betrieben wurde. Mit ihr sollte einer Abwärtsspirale der Nachfrage vorgebeugt werden.

[2] Miegel, Meinhard: Exit – Wohlstand ohne Wachstum, 2010

[3] Als Indiz dafür kann man auch die Renaissance des Teilens sehen, die wir momentan erleben

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