Im Rahmer einer Vortragsveranstaltung im vergangenen Monat wurde Prof. Faltin von Gründerzuschuss.de interviewt.

 

Im Folgenden nun der wesentliche Teil des Interviews:

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gruendungszuschuss.de: Herr Professor Faltin, woher kommt Ihr Interesse für das Unternehmertum?

Als Student wunderte mich, dass während des Wirtschaftsstudiums die Unternehmerfigur nicht vorkam. In der Schule hatte ich unter der Bank Schumpeter gelesen, der über die Unternehmerfigur geschrieben hat, davon wollte ich im Studium mehr hören. Tatsächlich bestand das Studium aus einer Mischung aus gehobener Buchhaltung und Mathematik. Mit der Realität hatte es wenig zu tun. Uns Studenten hat das wütend gemacht. Ich habe diese Art des Studiums als Fachschafts-Sprecher scharf kritisiert.


gruendungszuschuss.de: Sie sind trotzdem Hochschullehrer geworden?

Als die ersten Reformuniversitäten gegründet wurden, hat man mich angesprochen: So jemand wie Sie brauchen wir! Ich wurde Professor für Theorie-Praxis-Bezug in der Wirtschaftspädagogik. Von Anfang an hatte ich den Wunsch, am praktischen Beispiel zu zeigen, wie Entrepreneurship funktioniert. Ich war allerdings voll eingespannt in den Lehrbetrieb, hatte viele Studenten und Prüfungen. Das Konzept der Teekampagne ist deshalb über Jahre in meinem Kopf gereift. Als der Gedanke sehr weit fortgeschritten war, habe ich ihn in die Lehre eingebracht. Am Akt der Gründung der Projektwerkstatt im Jahr 1985 habe ich dann die Studenten beteiligt. Das kleine Unternehmen war kein geliebtes Kind. Heute ja, damals nein! Das Klima war in dieser Zeit antimarktwirtschaftlich. Mit meiner Beliebtheit bei den Studenten war es schnell vorbei. „Jetzt will er uns zu kleinen Kapitalistenschweinen machen“ - das war nur einer von vielen Vorwürfen, die ich damals zu hören bekam. Als wir 1987 zum ersten Mal einen Überschuss erzielten, atmete ich auf: „Jetzt steht die Teekampagne auf soliden Beinen“. Die Studenten hatten am Anfang ja gar nicht daran geglaubt, dass das möglich wäre! Wir arbeiteten damals noch in zwei feuchten Kellerräumen des Instituts für Wirtschaftspädagogik, für die wir ordentlich Miete bezahlt haben. Doch als sich unser Erfolg herumsprach, hat uns die Universitätsverwaltung vor die Tür gesetzt. Es war, als hätte man im Keller ein Bordell entdeckt: „Die machen Gewinne, das ist ja etwas Unanständiges!“

 

gruendungszuschuss.de: Wem gehört das Unternehmen denn? Verdienen Sie damit Geld?

Ich werde das oft gefragt: Holt er sich etwa zusätzlich zur Besoldung als Beamter ein zweites Gehalt? Die Projektwerkstatt GmbH als Firmenmantel für unsere Aktivitäten ist von mir und einem Kollegen mit eigenen privaten Mitteln finanziert worden, anders ging es gar nicht. In dem Sinne könnte ich sagen, es ist eine ganz private Firma. Ich wollte es so aber nicht, ich wollte ein Modell schaffen, nicht Privatvermögen. Später bin ich auf eine halbe Stelle gegangen. In dieser Konstruktion beziehe ich ein halbes Gehalt von der Universität und ein halbes Gehalt vom Unternehmen. Die Firma bringen ich und mein Kollege, der mit 20 Prozent beteiligt war, nun Zug um Zug in eine Stiftung ein, die „Stiftung Entrepreneurship“, die wir ebenfalls mit privaten Mitteln errichtet haben.

 

gruendungszuschuss.de: In Ihrem Buch „Kopf schlägt Kapital“ äußern Sie sich an mehreren Stellen kritisch über Existenzgründungsberater. Warum?

Aus der Vergangenheit kennen wir eine bestimmte Art der Beratung: Danach sei es vor allem wichtig, Kapital zu beschaffen, sich gute BWL-Kenntnisse anzueignen und über Management-Qualifikation zu verfügen. Auf die Qualität der Gründungsideen käme es dagegen weniger an. Das hatte früher sicher seine Berechtigung. Heute finde ich es nicht mehr in allen Fällen zeitgemäß. Wir leben in einer post-industriellen Gesellschaft, die industrielle Produktion macht nur noch ungefähr 20 Prozent aus, und das mit weiter abnehmender Tendenz. Wir beziehen unsere Bilder des Unternehmertums aber immer noch aus der industriellen Epoche, auch weil Deutschland in dieser Zeit in vielen technologischen Bereichen führend war. Was wir brauchen, sind post-industrielle Geschäftsmodelle. Es geht um Gründungen, die auf die Zukunft gerichtet sind, um Bedürfnisse, die man als post-industriell bezeichnen kann.

 

gruendungszuschuss.de: Gründungen mit wenig Kapital? Das wird Gründer aus der Arbeitslosigkeit freuen!

Ich sage nicht, dass man kein Kapital braucht, es gibt Bereiche, in denen man nach wie vor sehr viel Kapital benötigt, z.B. in der Medikamenten-Entwicklung. Aber es gibt auch viele Gründungsideen, wo Kapital nicht mehr der Engpass ist. Ich spreche über 5.000 bis 50.000 Euro Kapitalbedarf, das liegt eher am unteren Ende und lässt sich oft aus dem Freundes- und Bekanntenkreis heraus aufbringen. Selbst in den USA werden 70 Prozent aller Gründungen durch Family & Friends finanziert. Meinen Studenten sage ich: „Ihr habt die Chance, Euch das Gewinnlos einer Lotterie systematisch zu erarbeiten". Wenn ich bei einem skalierbaren Geschäftsmodell, den Beweis erbringe, dass es funktioniert – oder wie es in der Fachterminologie heißt, den „Proof of Concept“ erbringe, habe ich in diesem Moment eine Unternehmensbewertung, die leicht schon bei 100.000 Euro liegt, bei einem Geschäftsmodell mit einem großen Marktpotenzial durchaus auch bei einer halben Million oder Million. Die Frage ist: Wie komme ich zu einem solchen Konzept? Früher habe ich an dieser Stelle Kreativworkshops veranstaltet, heute gehe ich mit meinen Studenten systematisch alle Möglichkeiten durch, studiere das Feld genau, analysiere die vorherrschenden Bedingungen und Konventionen und kann so mit systematischer Arbeit ein aussichtsreiches Geschäftsmodell entwickeln. Viele Gründungszuschuss-Gründer zielen gar nicht darauf, einen hohen Unternehmenswert zu schaffen, sondern zunächst einmal den Lebensunterhalt zu decken, zum Beispiel als Freiberufler. Sind das Gründungen zweiter Klasse? Ich würde Kleingründungen auf gar keinen Fall schlechter bewerten als die konzept-kreativen Gründungen, von denen ich spreche. Ich habe absolute Hochachtung vor jedem, der sich selbständig macht. Wenn ich aber an einer Universität lehre, ist es nicht meine Aufgabe, mit wissenschaftlichem Aufwand darzulegen, wie man vom angestellten zum selbständigen Friseur wird. Wir beschäftigen uns an der Hochschule nicht mit dem Thema „sich selbständig zu machen“. Dazu gibt es durchaus gute Beratungseinrichtungen. Die Universität hat die Aufgabe, Wissen zu schaffen und für die Praxis vorzudenken. Es geht also um kreative Zerstörer, um es mit Schumpeter zu sagen, also Entrepreneurs mit innovativen Gründungen.

 

gruendungszuschuss.de: Was können denn die kleinen Gründer von den innovativen Gründern lernen?

Die Kleingründer gehen häufig in einen gesättigten, wettbewerbsintensiven und damit schweren Markt – und das ohne klare Innovation. Sie haben damit alle Nachteile des Newcomers: Die anderen Wettbewerber haben schon Kunden, haben die Fehler der Anfangsphase schon hinter sich, kennen sich in ihrem Feld bereits gut aus. Die Kleingründer gehören damit leicht zu denen, die schnell wieder aufgeben müssen. Es ist daher besser, zumindest an einer Stelle innovativ zu sein. Ein Beispiel: Als Anwalt würde ich versuchen, einen Blog einzurichten, um mich etwa als Experte zu einem Thema wie Scheidungsrecht zu positionieren oder – soweit es das Standesrecht zulässt – Festpreise anbieten statt unkalkulierbarer Gebühren.

 

gruendungszuschuss.de: Lässt sich Ihr Modell, mit „Komponenten“ zu gründen, auf kleine Gründungen übertragen?

Mit Komponenten gründen, also wichtige Aufgaben wie Buchhaltung, Verpackung und Logistik von Dienstleistern durchführen zu lassen, ist sinnvoll, weil man nicht alles selbst tun und wissen kann. Beispiel Recht und Steuern: Es gilt EU-Recht, es gilt nationales Recht, das alles ändert sich zudem laufend. Es ist völlig unrealistisch, die Vielzahl von Anforderungen selbst bewältigen zu wollen. Allein der Gedanke daran demotiviert und gerade kreative Menschen werden von dieser Art von Selbständigkeit abgeschreckt. Wenn man Komponenten heranzieht, also bestimmte Aufgaben den Profis überlässt, kann das eine Gründung sehr vereinfachen. Ein gutes Konzept muss so kalkuliert sein, dass die Kosten für professionelle Dienstleister eingeplant sind. Ich sage meinen Gründern: „Wenn Sie Professionalität zu teuer finden, dann versuchen Sie es doch mit Un-Professionalität.“ Wir wissen alle, dass das noch viel teurer wird!

 

gruendungszuschuss.de: Was sollte die Politik tun, um mehr Unternehmensgründungen zu ermutigen?

Sie sollte eine Kultur unternehmerischen Handelns fördern, statt mit Arbeitsstätten-Verordnungen Gründer zu schikanieren. Ein ganz praktisches Beispiel: Die Teekisten der Teekampagne eignen sich hervorragend als Regale oder Trennwände, ihre Verwendung ist Gründern aber verboten, so sagen die Beamten der Aufsichtsbehörde, dabei hat sich nie jemand daran verletzt. Man könnte Gründer auch im ersten Jahr von den Steuerformalitäten entlasten. Die ganze Bürokratie ist ja entstanden zum Arbeitsschutz für große Unternehmen, Neugründungen sollten nicht gleich im ersten Jahr denselben Anforderungen genügen müssen. Politiker schwärmen ja oft von Garagengründungen. Es wäre daher nur konsequent, ein Jahr Bürokratie-Freiheit zu geben!

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Das vollständige Interview können Sie bei Gründerzuschuss.de online lesen.

 

Des Weiteren ist Dr. Andreas Lutz, Gründer von Gründerzuschuss.de, am kommenden Donnerstag zum Semesterabschluss im Labor für Entrepreneurship zu Gast.

 

Den Livestream hierzu können Sie wie gewohnt kostenlos im Internet verfolgen. Wenn Sie persönlich im Labor für Entrepreneurship dabei sein wollen, dann melden Sie sich bitte hier an.


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