Gründen mit Komponenten

Gründen mit Komponenten

 

von Günter Faltin (Auszug aus „David gegen Goliath“)

Streichen wir bitte die herkömmliche Sichtweise aus unserer Vorstellung, dass ein Unternehmen ein Gebilde sein muss aus Räumen, Arbeitsplätzen und Mitarbeitern. Die Frage, die wir uns in einer hoch arbeitsteiligen Gesellschaft stellen können, heißt vielmehr: Kann ich mein Unternehmen nicht aus bereits vorhandenen Komponenten zusammenstellen? Ob es dazu Räume braucht, Angestellte, welche Ressourcen auch immer, ist in diesem Moment noch eine völlig offene Frage. Die entscheidende Arbeit passiert im Kopf des Gründers. Ein modernes, arbeitsteiliges Wirtschaftssystem enthält viele Angebote, die man als Komponenten nutzen kann. Der Baukasten, der uns zur Verfügung steht, nimmt täglich an Bauteilen und Varianten zu. Man kann in diesem Sinne den Gründer mit der Figur des Komponisten vergleichen, der die – bereits vorhandenen – Instrumente eines Orchesters in neuer Weise zum Klingen bringt.

So gesehen besteht die Aufgabe des Entrepreneurs darin, erstens ein Konzept auszudenken, zweitens die Partner zu finden, die die erforderlichen Komponenten anbieten, und drittens das Zusammenspiel der Komponenten zu koordinieren und zu kontrollieren. Die Gefahr, den Gründer mit einer Vielzahl von Aufgaben zu überfordern, wird dadurch drastisch geringer.

Die Erfahrung zeigt: Professionalität ist entscheidend. Es ist das zentrale Stichwort, wenn es um Komponenten geht. So wie die Zähne von technisch guten Zahnrädern perfekt ineinandergreifen, müssen auch die Komponenten zusammenpassen. Professionelle Partner kennen das Problem, die einzelnen Komponenten aufeinander abzustimmen. So muss eine professionelle Shop-Software Schnittstellen zur Rechnungserstellung, Liquiditätsplanung, Lagerhaltung bis hin zur Bilanzerstellung und Steuererklärung zur Verfügung stellen. Professionelle Anbieter beherrschen das und werden dem Gründer entsprechende Angebote machen.

Professionalität einzukaufen ist teuer. Aber Unprofessionalität ist am Ende noch viel teurer. Die Schlussfolgerung daraus: Wenn Sie sich Professionalität nicht leisten können, ist Ihr Unternehmenskonzept nicht ausgereift, es erwirtschaftet nicht ausreichend Erträge.

Groß werden und dabei klein bleiben

Gründen mit Komponenten hat aber noch weitere Vorteile. Es ist bekannt – und in der wissenschaftlichen Literatur beschrieben – dass junge Unternehmen nach der Gründung mehrere Phasen wachsender Komplexität durchlaufen, in denen sie in typische Krisen geraten und nicht selten daran scheitern . Mittels Komponenten verringern sich die Gründungsrisiken wesentlich, denn der Gründer greift mit ihnen auf etablierte, routinierte Einheiten zu, die bereits mit großen, effizienten Betriebsgrößen und hoher Professionalität arbeiten. Auch profitiert er von deren Wissen. Das eigene Unternehmen kann wachsen, aber der vom Gründer selbst betriebene Kern bleibt klein – und damit überschaubar und bewältigbar: „Groß werden und dabei klein bleiben“.

Die Vorteile des Komponentenmodells sind enorm. Statt zu überarbeiteten Einzelkämpfern zu werden, ermöglicht es dem Gründer oder den Gründern, sich auf das unternehmerische Konzept zu fokussieren und es den Marktveränderungen anzupassen. Es sind weniger Investitionen erforderlich; das erleichtert die sonst aufwändige Suche nach Kapitalgebern. Der Gründer arbeitet durch seine Komponenten hoch professionell – und das von Anbeginn an. Kosten treten im Grundsatz nur auf, wenn auch wirklich Bestellungen eingehen. Finanzierungsaufwand und Risiken reduzieren sich für den Gründer ganz erheblich. Im Vergleich zu den konventionellen Formen können Gründungen rascher, einfacher und professioneller erfolgen.

Am Beispiel Medien:

Sie wollen eine Zeitschrift gründen, mit internationaler Präsenz?
Früher brauchten Sie dafür viel Kapital, umfangreiche Erfahrungen im Verlagswesen, gut bezahlte Redakteure in teuren Büros, In- und Auslandsvertrieb und vieles mehr. Heute können Sie ganz anders vorgehen. Sie finden Experten auf Plattformen wie Freelance, Uplink oder Expertlead, die sie anhand ihrer bisherigen Arbeiten beurteilen und auswählen können. Und das gilt nicht nur für den journalistischen Teil, sondern auch für Grafiker, Bildredakteure oder Korrektoren. Die fertigen Beiträge lassen Sie bei Deepl übersetzen und von einem Fachübersetzer nachbearbeiten. Auch Ihr Web- und App-Design können Sie als Komponente zukaufen –mit einem erfahrenen Designer, der die Suchmaschinenoptimierung mitdenkt. Ziemlich anders als früher. Kein Verlagsgebäude, keine Druckerei im Erdgeschoss, kein Verladen, keine Lieferwagen auf dem Firmenhof. Was von Ihnen kommen muss, ist die Relevanz des Themas und die Begeisterung dafür.

Den Ausschlag gibt dabei der Grad der Professionalität der Komponenten; er ist für das Gelingen der Delegation entscheidend. Die Unerfahrenheit vieler Gründer wird durch den Einsatz professionell geführter Komponenten abgefedert. Der Aufbau eines Unternehmens aus Komponenten macht eine Gründung schneller und flexibler in der Überwindung von unerwarteten Hindernissen.

Auch hier ist der Vergleich mit der Geschichte der Bildung erhellend. Bildung wurde zugänglich und erschwinglich für Alle, weil die Eltern nicht selbst für ihre Kinder zusammenstellen und finanzieren müssen, was für deren Bildung notwendig ist: das Schulgebäude, die Lehrer, die Bücher, die Ausstattung mit Geräten für den Physik- und Chemieunterricht. Was Alexander und Wilhelm v. Humboldt als Kinder genossen – von den Eltern organisierter und bezahlter Privatunterricht – wollte der Bildungsreformer Wilhelm allen Menschen zugänglich machen. Das von ihm auf den Weg gebrachte Bildungssystem arbeitet, so könnte man es ausdrücken, mit Komponenten.

„Gründen mit Komponenten“ eröffnet so viel mehr Menschen als bisher die Chance, am Wirtschaftsleben aktiv teilzuhaben. Natürlich bleibt ökonomisches Denken und Handeln – verstanden als sparsamer Umgang mit Mitteln – notwendig, aber vieles aus dem Ablauf eines Unternehmens, von der Produktion über die Verwaltung bis zur Logistik, wird von den Komponenten und der darin eingebetteten Professionalität der Dienstleister übernommen. Als Gründer müssen Sie sich auf die Führung Ihres Unternehmens konzentrieren, statt sich im Tagesgeschäft zu verzetteln. Die Vorstellung, dass der Gründer alles können und selbst tun muss, stammt aus dem letzten Jahrhundert, eigentlich noch aus dem vorletzten. Es ist an der Zeit, sie aufzugeben.

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