Entrepreneurship als Chance für die Gesellschaft*

Auszug aus dem „Handbuch Entrepreneurship“ – Hrsg. Günter Faltin:

Auch heute schon ist die Erwartung auf Problemlösungen – offen oder unausgesprochen – in der Programmatik für Entrepreneurship erkennbar:

Start-ups wird eine wichtige Rolle für Innovationen zuerkannt. Nicht nur Innovationen ökonomischer Art, sondern gerade auch solchen ökologischer oder sozialer Natur. Mehr Wettbewerb führe zum Aufbrechen verkrusteter Strukturen. Der Strukturwandel fördere die Anpassung an veränderte Bedingungen, reagiere damit auf Problemlagen. Unternehmerisches Denken und Handeln könne Politik ergänzen, könne neue Lösungswege entdecken und umsetzen. Eine Kultur des Unternehmerischen, nicht nur verstanden als Unternehmensneugründungen, sondern präsent und gelebt in möglichst allen Stufen eines Unternehmens lege kreatives Potenzial frei. Keine Nine-to-five-Mentalität, sondern Dialog um den Umgang mit knappen Ressourcen, für intelligente Innovationen, für die bestmögliche Investition, für privaten und gesellschaftlichen Nutzen.
Zweifellos – Entrepreneurship hat das Potential, problemlösende Beiträge zu leisten.

Aber noch ein weiterer Aspekt ist bedeutsam.

Entrepreneurship hat auch eine emanzipatorische Dimension.
Entrepreneurship ist mehr als nur Business. Allan Gibb, Doyen der Entrepreneurship-Forschung in Großbritannien, fordert sogar, den Bereich Entrepreneurship gänzlich aus dem, wie er es nennt, business knowledge context herauszulösen.**

Fleischmann rät, sich an den Gedanken der Aufklärung zu orientieren: „Enlightenment, with its faith in rationality and education, and its hope that a proper understanding of enlightened self-interest would lead us to create a more humane world […] a world of opportunities for all, in which we could re-invent ourselves to overcome the obstacles put in our way by accidents of birth and fortune, race and gender, location and language. Entrepreneurship broadly defined, I suggested, could be the new way to fulfill the Enlightenment’s promise of economic self-realization, the way to revisit a question so unsatisfactorily addressed by history’s hostile twins of socialism and unfettered market capitalism: how can we create a world in which individual imagination and achievement are recognized and rewarded, while the fruits of such efforts also benefit the many?”***

Die Volkswirtschaft stellt den Wohlstand der Nationen in den Mittelpunkt. Die Betriebswirtschaft stellt den Betrieb in den Mittelpunkt der Analyse. Eine Teildisziplin der Ökonomie, die das Gedeihen des Individuums als zentrales Anliegen hätte, gibt es bislang nicht. Die Entrepreneurship-Forschung könnte diese Leerstelle in der ökonomischen Disziplin ausfüllen, denn ihr Gegenstand sind traditionell sowohl Betriebe (Gründungen) als auch Menschen (Gründer).

Wenn wir Entrepreneurship für viel mehr Menschen zugänglich machen wollen, müssen wir Entrepreneurship attraktiver machen, müssen an den Gründern ansetzen, also von den Menschen ausgehen. Von ihren Neigungen, ihren Talenten und Fähigkeiten. Und dann dürfen wir diesen Ansatz nicht auf jene Teilgruppen von Menschen beschränken, die heute bereits ein Unternehmen gründen, sondern müssen jenes Potenzial anvisieren, die gerne „etwas unternehmen“ – von der kleinen Party über die Fahrradtour zu einem größeren sozialen Engagement. Während das „große U“, sprich: ein Unternehmen, für die meisten unerreichbar scheint, ist das „kleine U“, sprich: etwas unternehmen, nicht nur allgemein als positiv akzeptiert und für die meisten Menschen äußerst wünschenswert, sondern auch völlig zugänglich. Gelänge es uns, den Schritt vom kleinen U zum großen U zu erleichtern, und dabei deutlich zu machen, dass dieser keineswegs so groß ist wie traditionell angenommen, eröffnete Entrepreneurship eine emanzipatorische Perspektive, die den ganz überwiegenden Teil der Bevölkerung erfassen könnte.

Etwas Vergleichbares ist im Bereich der Bildung bereits gelungen.
Bildung war in der Geschichte zunächst ein Privileg weniger Auserwählter. Die Durchsetzung allgemeiner Bildung war eine politische Forderung, war ein Ruf nach Emanzipation aus Unwissenheit und Unmündigkeit. Es ging nicht nur um den Erwerb von Kenntnissen zur Bewältigung von Arbeit und Alltag, sondern auch und vor allem um die Einlösung der Forderung nach Chancengleichheit und Teilhabe am wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritt. Neben Nützlichkeitserwägungen war immer auch die emanzipatorische Funktion präsent. Bildung ermöglichte Durchlässigkeit durch vormals feste Barrieren in Bereiche, die ohne sie verschlossen waren.
Analog lässt sich für Entrepreneurship argumentieren.

Muhammad Yunus sah in Micro-Entrepreneurship den entscheidenden Hebel, benachteiligte Bevölkerungsgruppen aus wirtschaftlicher Abhängigkeit und Unterdrückung zu lösen. Yunus argumentiert, dass Bildung allein dafür nicht ausreicht. Mit seinem Programm des Micro-Finance versucht er, insbesondere Frauen erfolgreich in den wirtschaftlichen Prozess einzubeziehen, nicht nur, um ihre ökonomische Situation zu verbessern, sondern auch ihre Stellung in der Gesellschaft zu stärken.****

Hernando de Soto konnte zeigen, dass die Armen und Hilfsbedürftigen nicht notwendigerweise Almosenempfänger sein müssen. Der informelle Sektor, so sein Begriff, sei im Kern Micro-Entrepreneurship, wenn auch unter bruchhaften Bedingungen. Das Defizit liege nicht etwa in mangelnden unternehmerischen Qualifikationen der Armen, sondern im Zugang zum offiziellen, legalen Sektor der Ökonomie, was durch korrupte Polizei und Bürokratie und den damit verbundenen hohen finanziellen und zeitlichen Aufwand für die Legalisierung der Mikro-Unternehmen blockiert werde.*****

Aber auch in den entwickelten Ländern, auch ohne Hunger und Armut, sind wir von der Teilhabe am unternehmerischen Sektor, von Alternativen zu abhängiger Beschäftigung, von ökonomischer Mündigkeit und der Teilhabe an einem entscheidenden Bereich der Gesellschaft weit entfernt.

Laden Sie sich hier das PDF vom dritten Auszug des „Handbuch Entrepreneurship“ runter.

Hier gelangen Sie direkt zum „Handbuch Entrepreneurship“ – erschienen beim Springer Gabler Verlag.

 

* Vergleiche auch den Beitrag von Fritz Fleischmann „What is Entrepreneurial Thinking“ in diesem Handbuch
** vgl. Gibb 2001
*** Fleischmann a.a.O. ((muss an Seitenzahl des Handbuchs angepasst werden))
**** vgl. Yunus, 2008
***** vgl. de Soto, 1989

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