The Next Big Thing: Du Wir sind das Kapital - das neue Buch von Günter Faltin Rezension: Winfried Kretschmer Was ist "the next big thing"? Die nächste disruptive Innovation, der nächste technologische Durchbruch, die nächste geniale Idee? Man hat sich daran gewöhnt, Innovation in solchen Durchbruchkategorien zu denken. Vermutlich ist es aber ganz anders: Innovation besteht in erster Linie in der Neukombination von Vorhandenem. Und ihre Wege sind verschlungen. Wer Neues schaffen will, muss in der Schwebe der Ungewissheit arbeiten können, sagt Deutschlands bekanntester Entrepreneurship-Professor. Und rückt die Persönlichkeit ins Zentrum. Innovator sein heißt: Es geht um dich selbst. "Wir wissen nicht wirklich, was menschlicher Geist tatsächlich vermag." Ein Satz, der in seiner Reflexivität eine eigenartige Faszination ausstrahlt. Günter Faltin schreibt ihn hin, ein paar Zeilen, nachdem er den Titel seines neuen Buches eingeführt hat: Wir sind das Kapital. Wir sind es deshalb, weil unsere Vorstellungskraft, unsere Ideen, die Kombinationen von Gedanken unbegrenzt sind. Weil unsere Kreativität unser Alleinstellungsmerkmal auf diesem Planeten ist. Joseph A. Schumpeter, den Vater der Innovation, Mihaly Csikszentmihalyi, den Entdecker des Flow, den Künstler Friedensreich Hundertwasser führt Faltin als Zeugen an. Und Theo Jansen, den holländischen Künstler, der die selbst laufenden Skulpturen erfunden hat. "Strandbeests" nennt er die fragilen Konstruktionen, die vom Wind getrieben den Meeresstrand entlangwuseln (siehe den Link zum Video). Jahre hat Hansen getüftelt, bis er das komplizierte mechanische Werk so weit hatte. Für Faltin Anlass für einen Appell an den Leser: "Es steckt mehr in Ihnen. ... Machen Sie ein bisschen mehr aus sich. Mehr aus sich heraus." Gut, könnte man sagen - nur sollte es in diesem Buch nicht um Entrepreneurship gehen? Um den Aufbruch in eine intelligentere Ökonomie? Stimmt schon, nur hat Faltin seinen ideenbasierten Ansatz des Gründens noch einmal ein Stück radikalisiert, hat ihn herunterdekliniert auf die Ebene des Individuums und seiner Entfaltung. "Es geht um Sie als Persönlichkeit. Es geht darum, das Potenzial, das in Ihnen steckt, zur Entfaltung zu bringen." Es geht um Träume, um Werte, um Haltung und Integrität, um Begeisterung, ja, um Selbstfindung. Es geht darum, herauszufinden, was den Unterschied macht. "Sei du selbst - wage es, anders zu sein." Und da ist man dann ganz bei Theo Jansen, auch wenn dessen Skulpturen scheinbar ganz zweckfrei über den Strand klappern. Ein Weg in Schlangenlinien und Schleifen Es gibt einen zweiten Satz in diesem Buch, der genauso wichtig ist wie der zuerst zitierte. Er hat, zumindest am Anfang, mehr mit den Erwartungen zu tun, die ein Leser an ein Buch über Entrepreneurship richten mag: "Je länger man sich mit Entrepreneurship beschäftigt, desto undeutlicher werden die Konturen, welche speziellen Faktoren den Erfolg ausmachen." Das sagt ein Mann, der sich sein wissenschaftliches Leben lang mit diesem Thema beschäftigt hat? Dem mit Kopf schlägt Kapital ein Bestseller gelungen ist? Der als so etwas wie der Entrepreneurship-Papst in Deutschland gilt? In diesen beiden Sätzen geht es ums Nichtwissen: nicht zu wissen, was alles möglich ist, und nicht zu wissen, wie man bei dem Versuch, etwas möglich zu machen, Erfolg haben kann. Sie stecken den Rahmen ab, umreißen das Terrain, auf dem Faltin seine Erkenntnisreise unternimmt. Und ein gutes Stück vorstößt in diese Zone des Nicht- oder Halbwissens über Innovation und Entrepreneurship. Hier liegt auch der entscheidende Unterschied zu dem Vorgängertitel: Wir sind das Kapital folgt einem Buchkonzept, das offener ist, das Gedankensprünge, Umwege und aufblitzende Ideen zulässt. Es ist gerade die nicht auf Ratgeberstringenz getrimmte Logik des Buches, die überzeugt. Weil sie dem Gegenstand folgt und ein tieferes Verständnis dessen ermöglicht, worum es geht: eben nicht ums Planen und Exekutieren. Sondern um einen Weg, der eher in Schlangenlinien und Schleifen verläuft als gerade aufs Ziel zu. Einen ganz persönlichen Weg. Dazu gleich mehr. Natürlich muss sich das Buch der Frage stellen, was denn eigentlich neu daran sei im Vergleich zum Vorgängerbestseller. Alter Wein in neuen Schläuchen, sprich einem gelifteten Buchkonzept? Das könnte man in der Tat denken: Das Cover wieder im Grundton Blau, wieder der Begriff "Kapital" im Titel, und natürlich geht es inhaltlich um konzept-kreatives Gründen, um Faltins Ansatz, die Gründung von der Idee und nicht technisch-instrumentell vom aufzubauenden Unternehmen her zu denken, also die Konzeptentwicklung gegenüber der Business-Administration in den Vordergrund zu rücken, die Idee auszuentwickeln, bis ein wirklich gutes Konzept steht. Dazu gehört nicht zuletzt auch die Idee, den Gründer nicht alles selbst machen zu lassen, sondern arbeitsteilig auf vorhandene Komponenten zurückzugreifen, sein Unternehmen also aus vorhandenen Modulen zusammenzusetzen, so wie ein Programmierer auch nicht jede Zeile Code neu eintippt, sondern sich vorhandener Programmbausteine bedient und diese zusammensetzt. Bei all dem bleibt Faltin sich und seinem Konzept treu, konfiguriert die Inhalte aber neu und reichert sie mit zahlreichen aussagekräftigen und ansprechend erzählten Beispielen an. Drei Themenstränge erscheinen mir in diesem Buch essenziell: Ökonomie heißt sparsamer Umgang mit Mitteln Faltin beginnt sein Buch kämpferisch, mit einer klaren Absage an die herrschende Ökonomie. Er wendet sich gegen eine manipulative Ökonomie, die tief in unsere Beziehungen, unser Leben eindringt. Diesen "Frontalzugriff der Ökonomie auf alle Aspekte unseres Lebens" dürften wir nicht widerspruchslos hinnehmen. Heute, da es gelungen sei, den Mangel weitgehend zu besiegen, zerstöre die Ökonomie die Grundlage ihrer Legitimation, indem sie mit Marketingmitteln manipuliere, um künstlich Nachfrage zu schaffen. "Es ist Irrsinn ... für Marketing immer mehr Mittel zu verbrauchen", schimpft der Autor. Denn, und das ist der Schlüsselsatz, "die Ökonomie bezieht ihre Legitimation aus dem sparsamen Umgang mit Mitteln". Dieser sparsame Umgang mit ökonomischen Ressourcen ist das erste Grundmotiv in Faltins Buch. Es zeigt sich in Ideen wie der der Mehrfachnutzung (zum Beispiel der Kombination von Buchladen und Café), des Weglassens von Überflüssigem und nicht zuletzt in Faltins Konzept der Konsum vermeidenden "Suffizienzinnovation". Zu dieser ökonomischen Orientierung gehört aber auch ein richtiges Verständnis von Gewinn. Da ist Faltin ganz nah bei Schumpeter, der lapidar und in wohl kürzest möglicher Form festgestellt hatte: "Gewinn ... ist ein funktionaler Ertrag." Funktional, weil er für das Bestehen des Unternehmens essenziell ist. Nicht Gewinn ist das Problem, führt Faltin den Gedanken fort, sondern die Übersteigerung der Gewinnorientierung zur Gewinnmaximierung als Unternehmenszweck. Innovation ist Neukombination Auch mit seinem Innovationsverständnis steht Faltin fest auf den Schultern von Schumpeter. "Wir müssen versuchen, von der Vorstellung loszukommen, dass Innovation notwendig etwas aufsehenerregend Wichtiges ist", hatte der geschrieben. In diesem Geiste wendet sich Faltin nun gegen die Überbewertung der technischen wie disruptiven Innovation heute. Dies nämlich verenge das Blickfeld, weil es "suggeriert, dass es jeweils um etwas völlig Neues, den bisherigen Rahmen Sprengendes gehen muss". Innovation ist für Faltin jedoch nicht nur etwas für Spezialisten und Experten, und der Engpass liegt auch nicht im technischen Bereich. Innovation besteht in erster Linie in der Neukombination vorhandener Ideen. Die Kreativität liegt darin, vorgefundene Ideen auf neue Zusammenhänge anzuwenden: "Es braucht nicht gleich geniale Ideen, grandiose Konzepte, Erfindungen und Patente. Es reicht bereits die Rekombination von Vorhandenem, von Teilen, die wir aus uns längst geläufigen Zusammenhängen übernehmen und sie in einen neuen Kontext stellen können." Das klingt einfach, leicht und elegant. Nach "Heureka" im warmen Badewasser. Doch ist hier eine klare Unterscheidung einzuziehen: Die Innovation muss nicht grandios neu sein, sie kann in einer einfachen, geradezu simplen Neukombination bestehen. Ihre Ausarbeitung aber, der Prozess, aus einer Idee ein wirtschaftlich tragfähiges und umsetzbares Konzept zu machen, ist die eigentliche Leistung. Hier scheiden sich die Dinge: die Leichtigkeit des Einfalls von der Anstrengung, hieraus ein Konzept zu entwickeln. Das nämlich ist harte Arbeit. Zu ergründen, was diese Leistung voraussetzt und wie sie zustande kommt, was jemand durchlebt, der sich auf diesen Weg begibt, hierin liegt der eigentliche Ertrag dieses Buches. Mir ist keine Publikation bekannt, die so einfühlsam und anschaulich, mit so großer Empathie und zugleich tief aus eigener Erfahrung schöpfend diesen Prozess der Ausformulierung eines Ideenkonzepts beschreibt. Entrepreneurship heißt in der Schwebe der Ungewissheit arbeiten können Warum das so schwer zu fassen ist? Weil es eben nicht der Logik eines Businessplans folgt. Weil dabei Umwege, Irrwege, Irrtümer, Fehler, Verzögerungen und Zufälle nicht nur regelmäßig auftreten, sondern einfach dazugehören. Systematisch dazugehören: "Nur durch ständiges Entwerfen, Probieren, Prüfen, Verwerfen, Neuentwerfen, erneut Verwerfen - also durch systematische Feedbackschleifen, werden Sie letztlich zu einem wirklich ausgereiften Entrepreneurial Design gelangen." Noch ein Punkt ist für diesen blinden Fleck im Verständnis dieser Konzeptentwicklung, "Gründen" genannt, verantwortlich: Dieses iterative, suchende Vorgehen widerspricht dem Selbstbild des Gründers und dem verbreiteten Verständnis von Erfolg. Es kommt in den Erfolgsgeschichten nicht vor. Was ihnen fehlt, so Faltin, "ist die Ambiguität, die ständige Unsicherheit, die mich als Gründer begleitet. Das In-die-Hose-Machen. Durch Abgründe und Albträume gehen. Die Unsicherheit gegenüber sich selbst und der Sache aushalten." Gefragt sei Ambiguitätstoleranz als die wohl wichtigste Eigenschaft des Entrepreneurs oder Innovators: "in der Schwebe der Ungewissheit arbeiten können", das ist es. Und ein letztes schönes Zitat: "Es handelt sich also nicht um einen geradlinigen Weg, sondern um Schleifen, um Vor- und Zurückspringen, um einen Prozess also, der dem Ringen eines Künstlers um seinen Stil ähnelt." Theo Jansen, der durch jahrelanges hartnäckiges Experimentieren seine Skulpturen zum Laufen gebracht hat, der nicht aufgegeben und eine Mechanik von irritierender Kompliziertheit gebaut hat, ist geradezu ein Musterbeispiel für die These Faltins, wonach der Entrepreneur dem Künstler näher steht als dem Erfinder.