Auszug aus dem "Handbuch Entrepreneurship" - Hrsg. Günter Faltin:

Vielleicht ist ein Vergleich erhellend, der an den geschichtlichen Erfahrungen beim Übergang vom Feudalismus zur Demokratie ansetzt. Bis in die Neuzeit hinein gab es eine große Skepsis gegenüber Mitsprache im politischen System: Bauern, Arbeitern und zuletzt den Frauen wurde unterstellt, dass sie nicht fähig genug seien, dass ihnen die Urteilskraft für die Teilnahme an wichtigen politischen Entscheidungen fehle. Es war eine Sichtweise, die keinen Bestand hatte.

Durch eine Öffnung des Felds kommen neue Sichtweisen ins Spiel, halten andere Werthaltungen Einzug und kommen andere Ziele zur Geltung. Und mit ihnen entstehen auch Innovationen anderer Art. Diversity drives innovation. Wir können aus einer solchen Öffnung einen quantitativen und qualitativen Zuwachs an Innovation erwarten, jedenfalls mehr als in einem geschlosseneren System.

In einem offenen, demokratischen Dialog kommen mehr Alternativen ans Licht als in autoritären Strukturen. Das Argument der Demokratie setzt nicht darauf, dass die Menschen, die neu hinzustoßen und mehr Gehör als früher finden, bessere Menschen wären. Wir müssen deshalb auch nicht auf den neuen, besseren Menschen warten. Die neuen Akteure erweitern das Spektrum der Sichtachsen und Ideen. Ist es nicht in Sachen Entrepreneurship verblüffend ähnlich? Es spricht alles dafür, dass die Öffnung des Zugangs zu Entrepreneurship, wie sie heute möglich ist, positive Auswirkungen im ökonomischen System bewirken wird.

Stimmen aus allen Lagern warnen vor der wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich in den Ländern der westlichen Welt. Mit Thomas Piketty wurde die Diskussion um die Einkommens- und Vermögensverteilung neu aufgeworfen*. Piketty argumentiert nicht grundsätzlich gegen den Kapitalismus. »Ich bin lebenslänglich geimpft gegen einen gedankenlosen antikapitalistischen Diskurs«, sagte er dem Spiegel.

Uns geht es hier nicht um die Frage, ob die Formel von Piketty, dass die Kapitalrendite höher liege als das Wirtschaftswachstum (und dies die Ursache für das stärkere Wachstum der Einkommen und Vermögen von Kapitalbesitzern sei), richtig ist oder nicht. Die heftig geführte Diskussion um die Formel lenkt davon ab, dass das Problem der Vermögensverteilung auf großen Konsens stößt.

Das Phänomen ist unbestritten. Es herrscht Übereinstimmung darüber, dass unser Wohlstand zunehmend ungleich verteilt wird. Sehr ungleich sogar**. Auch von konservativen Vertretern wird dies wahrgenommen und mit Sorge beobachtet. Es ist ein grundsätzliches Problem für die Legitimation einer marktwirtschaftlichen Ordnung.
Eine der Ursachen der Ungleichverteilung ist klar benennbar. Nur wenige Menschen gründeten in der Vergangenheit ein Unternehmen. Noch weniger waren damit erfolgreich. Kein Wunder, dass daraus eine extrem ungleiche Verteilung von Vermögen entstand. Und weiter entsteht . Es führt auch aus diesem Blickwinkel kein Weg vorbei an einer breiteren Partizipation am unternehmerischen Handeln. Es wäre doch schon ein Fortschritt, wenigstens einen der Katalysatoren für wachsende Ungleichheit ein Stück zurückzufahren.

Mehr neue Konzepte, mehr Möglichkeiten. Mehr Entrepreneure bringen neue Gedanken, neuen Wind. Das wiederum bringt mehr positiven Wettbewerb, mehr Wettstreit der Köpfe, macht Wirtschaft und Gesellschaft facettenreicher – und erhöht das Spektrum zukunftsfähiger Alternativen.

Gegenüber dem politischen hat das unternehmerische Engagement nicht zu unterschätzende Vorteile. Wir brauchen keine Mehrheiten, um etwas bewegen zu können. Gerade unangepasste Menschen, Querköpfe oder Idealisten tun sich auf diesem Gebiet oft schwer. Aber als Entrepreneur brauche ich nicht auf Mehrheiten zu warten. Wenn Sie in einer Partei, Organisation oder Initiative mitarbeiten und sich an den Konventionen und Mainstream-Ideen zerreiben: Werden Sie Entrepreneur! Zeigen Sie Ihre Alternative. Machen Sie Ihre Argumente sinnlich erfahrbar. Kunden für eine kleine, überschaubare Sache zu begeistern, ist leichter, als Menschen von großen gesellschaftlichen Neuentwürfen zu überzeugen.

Alternativen sinnlich erfahrbar zu machen, hat eine ganz eigene Qualität. Argumente allein bleiben abstrakt, reizen zu Gegenargumenten. Neues dagegen zu erfahren und mit allen Sinnen erfassen zu können, hat viel mehr Überzeugungskraft.

Das unternehmerische Engagement hat noch einen zweiten Vorteil: Sie können sich mit Ihrer Initiative auch eine ökonomische Lebensperspektive schaffen. Statt über die Geschäftspolitik der Konzerne, über den Vorrang von Profitmaximierung oder über die Höhe von Managementgehältern zu klagen – fangen Sie an, ihnen Geschäftsfelder und Marktanteile wegzunehmen. Mit besseren Produkten. Mit mehr Produktwahrheit. Mit intelligenteren Konzepten.

Es war unrealistisch zu erwarten, dass die Adeligen die Interessen der Bürger vertreten würden oder die Bürger die Interessen der Arbeiter. Erst die aktive Mitwirkung der Betroffenen bewegt die Dinge. Andere Sichtweisen, andere historische und kulturelle Erfahrungen kommen ins Spiel.

Der Kapitalismus sei ein lernfähiges System, heißt es. Ist es »der Kapitalismus «? Oder ist es nicht eher sein Motor: die Unternehmer. Aber auch davon nur ein kleiner Teil. Besinnen wir uns auf Schumpeter. Er unterscheidet die »Wirte«, die sich im Markt etabliert haben und Besitzstände bewahren wollen, von den Innovatoren, die neue Kombinationen durchsetzen und damit die Besitzstände der Etablierten attackieren. Wir nennen sie Entrepreneure.
Sie sind die bewegenden Kräfte, die eigentlich verändernden Kräfte im Getriebe der Ökonomie. Dieser kleine Kreis von Agenten des Wandels ist es, der Ökonomie neu formt und neu gestaltet. Sie bringen die Voraussetzungen mit, Probleme zu erkennen und auf sie zu reagieren. Mit innovativen Lösungen. Gehen wir in diesen Kreis hinein. Aber bringen wir unsere eigenen Werte und Ideen mit.

Markt als Wettstreit der Ideen. Ökonomie als die schönste aller Künste: Schöpferisches Gestalten, das zu Ort, Zeit und Person passt und eine tragfähige, dauerhafte ökonomische Perspektive eröffnet. Ein Ideen-Kind, das nicht nur der Stolz der Eltern ist, sondern sich für die Gesellschaft nützlich machen kann, und das die Aufmerksamkeit auf sich zieht durch gute und preiswerte Produkte. Und nicht zuletzt ein Weg, der Ungleichheiten nicht verschärft, sondern durch breitere Partizipation auf unternehmerischem Wege zu einer gleichmäßigeren Verteilung von Einkommen und Vermögen führen kann.

Als Immanuel Kant im Jahre 1784 die Frage „Was ist Aufklärung?“ beantwortete, gab er eine Definition nicht allein der politischen, sondern auch der ökonomischen Selbstbefreiung des Subjektes. „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“, stellte der Philosoph fest. „Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbst verschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“ Und Kant forderte: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“

Erst wenn das Wirtschaftsgeschehen für die meisten Menschen verständlich und zugänglich geworden ist und viel mehr Menschen als heute diese Möglichkeit auch aktiv wahrnehmen, haben wir das Ziel der Aufklärung erreicht: Menschen auch im Feld der Ökonomie mündig zu machen und sie in die Lage zu versetzen, offen, selbstbewusst und mutig in einer Gesellschaft mitzuwirken, in der die entscheidende Frage nach wirtschaftlicher Gestaltung nicht durch die wirtschaftliche Macht von wenigen bestimmt wird.

Laden Sie sich hier das PDF vom dreiundzwanzigsten Auszug des "Handbuch Entrepreneurship" runter.

Hier gelangen Sie direkt zum "Handbuch Entrepreneurship" - erschienen beim Springer Gabler Verlag.

 

* Piketty 2014
** Der aktuelle Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung besagt, dass 2008 (das jüngste Jahr, für das entsprechende Zahlen vorliegen) die reichsten 10 Prozent der Bevölkerung 53 Prozent des Vermögens besaßen, während auf die untere Hälfte der Haushalte zusammen nur gut ein Prozent fiel. Die Zahlen sind für die USA noch krasser, vor allem, wenn man das obere ein Prozent oder gar die obersten 0,1 und 0,01 Prozent der reichsten Vermögensbesitzer betrachtet. Die Schere gilt übrigens auch international. »In China werden nur die Reichen reich«, sagt ein modernes chinesisches Sprichwort. Unternehmensvermögen wachsen auch rascher als Sparguthaben. Schon eine einfache Überlegung verdeutlicht dies. Kleinverdiener legen Geld – wenn überhaupt – auf einem Sparbuch an. Die Bank verleiht das Geld zu höheren Zinsen an Unternehmen. Diese nehmen nur dann solche Kredite auf, wenn sie selbst mehr damit verdienen können, als sie der Bank an Kreditzinsen zahlen müssen. Kapital in Unternehmen verzinst sich also deutlich höher als die Sparbücher der Kleinverdiener.