Konzept-kreative Gründungen
Wie aus einer Idee eine Firma entsteht (Rezension von Winfried Kretschmer aus der Süddeutschen Zeitung vom 04.04.2009)

Dorothee hat Anglistik studiert, ihre Leidenschaft gilt der Keramik. Sie fertigt Vasen, einige hat sie schon verkauft. Nun überlegt sie, aus dem Hobby ein kleines Unternehmen zu machen. Ein Kollege ihres Vaters ist Professor für Entrepreneurship in Berlin. Er rät ihr zu, es zu versuchen. Ein paar Monate später jedoch sind die Pläne begraben. Dorothee hat einen Kurs für Existenzgründer besucht – und festgestellt, sie sei als Unternehmerin ungeeignet. An der Bilanzanalyse bin ich gescheitert, sagt sie.

Diese Geschichte berichtet Günter Faltin in seinem Buch Kopf schlägt Kapital. Er ist der Entrepreneurship-Professor, der der jungen Frau zur Gründung geraten hatte und zusehen musste, wie eine tragfähige Idee für eine Kleinunternehmer-Existenz scheiterte, an der Unfähigkeit der Existenzgründerberatung. Faltins Urteil klingt hart, ist aber fundiert. In der deutschsprachigen wissenschaftlichen Literatur wie auch in der Gründungsberatung stünden die betriebswirtschaftlichen Probleme im Vordergrund, kritisiert Faltin – mit der Konsequenz, dass die Gründung eines Betriebs in erster Linie als technisch-instrumenteller Vorgang behandelt wird. Deshalb gibt es Ratgeber mit Checklisten und Tabellen zuhauf, aber kaum Inspirierendes, um Ideen zu finden und Geschäftsmodelle zu erfinden.

Das ist die Lücke, in die Faltins Buch stößt. Es denkt Unternehmensgründung neu – von der Idee, nicht von der Umsetzung her: Erfolgreiche Unternehmen entstehen im Kopf, schreibt Faltin. Im Gegensatz zu industriellen Zeiten, als die Gründung hohen Kapitaleinsatz erforderte, rücke heute die Idee in den Mittelpunkt. Konzept-kreative Gründungen nennt er das: Gründungen, die nicht auf einem Patent oder einer technischen Erfindung, sondern auf einem innovativen Konzept beruhen.

Skype etwa hat das Telefonieren über das Internet nicht erfunden, sondern eine vorhandene Technologie marktfähig gemacht. E-Buero war nicht der erste und einzige Anbieter von Bürodienstleistungen via Internet, schwang sich aber zum Marktführer auf. Auch Faltins eigene Firma, die Teekampagne, basiert auf einer einfachen Idee: Warum wird Kaffee in 500-Gramm-Packungen verkauft und Tee nur in 100-Gramm-Beutelchen? Diese Frage führte Faltin dazu, einen Versandhandel mit Tee in Großpackungen aufzubauen. Keine Erfindung, keine besonders geniale Idee, aber erfolgreich. Heute ist die Teekampagne das größte Teeversandhaus in Deutschland und der größte Importeur von Darjeeling-Tee weltweit. Von den Funktionen ausgehen, statt den Konventionen zu folgen, beschreibt der Autor sein Rezept. Bestehendes in Frage stellen, Dinge neu denken – und wenn man eine Idee hat, diese durcharbeiten, bis ein ausgereiftes Konzept entwickelt ist.

So radikal wie mit dem betriebswirtschaftlichen Ansatz bricht Faltin auch mit einem anderen Dogma: dem vom Unternehmer als Alleskönner, der sich in allen Facetten seines Geschäfts gleichermaßen gut auskennen muss. Faltin denkt, dass ein Unternehmer heute nicht mehr alles selbst machen und können muss. Ob Büro, Buchhaltung, Verpackung und Versand – es gibt fast alles als Dienstleistungen auf dem Markt. Der erreichte Stand der Arbeitsteilung macht es möglich, Unternehmen aus Komponenten zusammenzufügen. Modulares Gründen, das ist Entrepreneurship für Jedermann.

Das dritte Dogma, das der kämpferische Professor vom Sockel stößt, ist die Ansicht, dass man zum Unternehmer geboren sein müsse. Nein, jeder könne eine erfolgreiche Firma gründen, hält Faltin dagegen. Und ermuntert dazu, es zu tun: Nie waren die Bedingungen, eigene Ideen erfolgreich umzusetzen, so günstig wie heute.

Winfried Kretschmer

Im nächsten Schritt lernen Sie, wie Sie Ihr eigenes High-Potential Konzept erarbeiten.